Wirtschaftsflüchtlinge aus Italien "Im Endeffekt bleibst du automatisch unter Italienern"
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Giovanni Pagliuca hat sich für München entschieden, weil er eine relativ ruhige Großstadt suchte mit Grünflächen und geringer Kriminalität. Die Stadt hat ihn mit ihrer hohen Lebensqualität und einer funktionierenden Infrastruktur empfangen, aber vom viel zitierten Herz der "Weltstadt mit Herz" hat er bislang wenig mitbekommen. Anfangs streifte er ganz alleine durch die Stadt, mittlerweile hat er, immerhin, ein paar andere Italiener kennengelernt. "Ich weiß, dass das auch meine Schuld ist, weil ich die Sprache noch nicht spreche", sagt er. "Aber es unterhält sich auch niemand auf Englisch mit mir."
Auch Roberta Ragonese, 27, die fließend Deutsch spricht, sagt: "Natürlich ist die Sprache am Anfang ein Problem. Doch das ist nicht alles. Es ist auch die Mentalität der Deutschen." Ragoneses ehemaliger Professor schickte die Architektin für ein Praktikum nach München. Sie blieb. Ihre Kollegen in der Arbeit seien nett, erzählt sie, "aber sie laden mich nie zu irgendetwas ein oder nehmen mich mit".
Angela Cancelliere ist 35 und schon seit drei Jahren in München, doch auch sie hat eigentlich keine deutschen Freunde. "Im Endeffekt bleibst du automatisch unter Italienern oder anderen Ausländern, wenn du nicht alleine bleiben willst." Oft fühlen sich die Zuwanderer nicht verstanden, oft auch von oben herab behandelt. "Wenn ich erzähle, dass ich Sizilianerin bin, höre ich als Erstes: ah, Mafia!", sagt Cancelliere. "Dabei sind sie wie Kinder, die nicht wissen, was ein Wort bedeutet. Mafia gehört da in den Dreiklang mit Sonne und Pizza. Dass bei mir zu Hause die Mafia eine Realität ist, unter der die Menschen leiden, ist vielen Deutschen nicht bewusst."
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Ähnlich sieht es aus beim Thema Silvio Berlusconi. Viele junge Italiener haben das Gefühl, im Ausland für den Erfolg des "Cavaliere" geradestehen zu müssen. Als seine vehementesten Gegner haben die meisten von ihnen jedoch zu Hause oft genug gegen ihn demonstriert. Sie fordern für sich den Respekt ein, den sie Deutschland entgegenbringen.
Giovanni Pagliuca weiß noch nicht, ob er langfristig in Monaco di Baviera bleiben will - oder ob es ihn doch wieder zurück nach Italien zieht. Vielleicht würde es helfen, wenn er sich einen Tick willkommener fühlen würde in dieser für ihn so oft befremdlichen Welt, die er eigentlich ja als die bessere wahrnimmt.