Von Stefanie Paul und Judith Liere

Temperaturen um den Gefrierpunkt und die ersten Flocken: München bereitet sich auf den Winter vor.

Temperatursturz - vor gut einer Woche war bei 27 Grad noch Eisessen angesagt. Nun werden die Münchner eher mit morgendlichem Eiskratzen geplagt. Der erste Wintereinbruch kam plötzlich und früh. Doch für Guido Wolz vom Deutschen Wetterdienst in München kam er nicht ganz unerwartet: Die subtropische Luft, die zu Beginn des Oktobers noch für sommerliche Temperaturen sorgte, wurde aus dem Norden abgelöst von arktischer Meeresluft.

Winter in München

Wintereinbruch in München (© Foto: dpa)

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Beide Luftmassen sind ein Extrem: "Die subtropische gehört zu den heißesten Luftmassen, die es gibt, die arktische Meeresluft zu den kältesten", erklärt der Wetterexperte. Den Temperatursturz von zum Teil mehr als 20 Grad bezeichnet Wolz zwar als "nicht ganz normal", ganz ungewöhnlich sei er aber wiederum auch nicht. Der Meteorologe erinnert sich an Zeiten, als es während der Wiesn sogar schon anfing zu schneien. Oder daran, als auf der Zugspitze Ende Oktober fast vier Meter Schnee lagen. Dennoch seien die derzeitigen Temperaturen für diesen Monat zu kalt. Bereits mehrmals kratzte das Thermometer in den Nächten der vergangenen Woche an der Null-Grad-Marke.

Die Einzelhändler, die mit Saisonartikeln verdienen, freut's. "Wir haben in dieser Woche um 300 Prozent mehr Mützen und Handschuhe verkauft als im letzten Jahr zur gleichen Zeit", sagt Christiane Hoss-Nurminen vom Sporthaus Schuster in der Rosenstraße. "Das Wetter macht sich bei uns sofort bemerkbar."

Das Kaufhaus hat bereits sein Sortiment komplett auf Winter umgestellt, nur die Langlaufabteilung wird erst nächste Woche eröffnet. Normalerweise passiert das erst Anfang November. Auch der 17-jährige Tim Winterhalter sieht sich schon einmal nach einem neuen Snowboard und einem passenden Outfit um. "Kaufen werde ich aber noch nichts, erst in den Weihnachtsferien kann ich wieder auf der Piste stehen."

Warm anziehen müssen sich auch die Verkäufer auf dem Viktualienmarkt. Mathias Fischer steht dort bis zu zwölf Stunden am Tag in der Kälte hinter seiner Safttheke. Neben frisch gepresstem Orange-Karotte-Mix dampft dort seit Mittwoch nun auch ein Kochtopf: heißer Holundersaft mit Orange und Ingwer. "Das schlägt gerade ein wie eine Bombe", meint der 30-Jährige.

Bis zu 50 Becher am Tag verkauft er und trinkt selbst regelmäßig davon, es sei ja schließlich auch gesund. "Holunder hilft traditionell gegen Erkältung, Orange liefert Vitamin C, und der Ingwer gilt in der asiatischen Medizin als Entzündungshemmer." Die Umstellung auf die Kälte mache ihm gerade zu schaffen, "das merkt man vor allem an den Händen und im Gesicht. Nach ein paar Tagen hat sich aber der Körper dran gewöhnt, dann ist das kein Thema mehr." Momentan trägt er am Oberkörper fünf Lagen Kleidung, erst wenn es noch kälter wird, holt er lange Unterhosen und ein zweites Paar dicke Socken aus dem Schrank. Nur Handschuhe gehen nicht: "Damit habe ich zu wenig Gefühl beim Gläser-Einschenken."

Nach den ersten Schneeflocken steht der Münchner Winterdienst ebenfalls in den Startlöchern. "Wir waren bereits einmal im Einsatz", sagt Dagmar Lezuo vom Münchner Baureferat. Zwar gab es noch nicht viel zu räumen, doch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt mussten die 253 Gefahrenstellen in der Stadt kontrolliert werden - darunter steile Straßen, Abhänge und Brücken aus Stahl. "An manchen Stellen wurde vorsichtshalber gestreut", so Lezuo.

Rund 1000 Mitarbeiter werden in diesem Winter wieder auf 2300 Kilometern in München für freie Straßen sorgen. Am ersten November beginnt für die Räumungskräfte der offizielle Dienstbeginn. Wenn es schneit, werden sie ab vier Uhr morgens im Einsatz sein. "Falls es notwendig wird, dann fahren wir auch schon ab zwei Uhr", erklärt Lezuo. Dann werden vielleicht auch wieder mehr als 29000 Tonnen Salz, Splitt und Sand zum Einsatz kommen. Beim Münchner Winterdienst kann der Winter jedenfalls losgehen. "Wir sind bereit", sagt Lezuo.

Für eine freie und sichere Fahrt sorgen auch die Männer der Autowerkstatt Pit Stop. Täglich verpassen die vier Mitarbeiter bis zu 15 Autos das passende Winteroutfit. "Wir sind hier gut ausgelastet, bis Mitte November sind wir komplett ausgebucht", sagt Antonios Tepenis. Die ersten Schneeflocken hätten bei vielen Kunden "fast schon eine Art Panikreaktion" ausgelöst.

Circa 30 Minuten braucht jeder Mitarbeiter für den kompletten Reifenwechsel. Allerdings sehen viele Winterreifen nicht mehr taufrisch aus, weiß der Experte. "Wir machen die Kunden darauf aufmerksam, wenn sie neue Reifen brauchen", erklärt Tepenis. Auch wenn Pit Stop selbst keine Reifen verkauft. "Aber vielen Kunden ist es sehr wichtig, auch im Winter sicher zu fahren", sagt Tepenis.

Nicht gefahren, sondern gelaufen wird seit heute wieder auf den Freiluft-Eislaufbahnen im Münchner Osten und Westen. Bis es soweit war, mussten fast 30 Mitarbeiter eine gute Woche lang im Schichtdienst ran - rund um die Uhr: Wasser aufsprühen, gefrieren lassen, eine neue Schicht mit warmem Wasser darüberlegen, wieder gefrieren lassen. "Das Eis besteht aus mehreren Schichten. Dass die sich richtig miteinander verbinden, ist besonders wichtig", erklärt Gabriele Reinert vom Sportamt München. Verwendet wird dabei "ganz normales Trinkwasser". Die kalten Temperaturen kamen den Eismachern für ihren "offenen Gefrierschrank" gerade recht.

Doch ganz in seiner Hand hat der Winter die Stadt noch nicht. Kommende Woche soll es wieder wärmer werden, verrät Meteorologe Guido Wolz. Aber er kommt, der Winter, ganz bestimmt.

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(SZ vom 17.10.2009/sonn)