Windows-Software im Rathaus Angst vor neuen Abstürzen

Oberbürgermeister Dieter Reiter und sein Stellvertreter Josef Schmid wollen die städtischen Computer wieder auf Windows umstellen. Doch die Mitarbeiter sind nicht einverstanden - sie fürchten dieselben Pannen wie bei der Einführung von Linux.

Von Andreas Glas

Als Linus Torvalds einst ein Logo für sein Betriebssystem suchte, entschied er sich für einen Pinguin. Eine kluge Entscheidung des Linux-Gründers, Pinguine sind ja Sympathieträger. Entsprechend sympathisch wirkte es, als Christian Ude (SPD), damals Oberbürgermeister, vor zehn Jahren mit dem Linux-Maskottchen Tux posierte, dem lebensgroßen Plüschpinguin auf die Schulter klopfte und verkündete, dass München als erste Großstadt der Welt seine Verwaltungscomputer von Microsoft auf Linux umstellen werde. Bald könnte es zu einer ähnlichen Szene kommen, allerdings ohne Pinguin - und unter umgekehrten Vorzeichen: Die Stadt, sagt Zweiter Bürgermeister Josef Schmid (CSU), will eine Rückkehr zu Microsoft prüfen. Weil Linux Ärger macht.

Computer stürzen ab, Mitarbeiter verzweifeln an der Linux-Benutzeroberfläche, das führt zu Wartezeiten in den Behörden - so argumentiert Josef Schmid: "Egal in welches Referat ich komme, überall kriege ich bestätigt, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darunter leiden." Da wirkt es zunächst plausibel, dass Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) den Schmid-Plan unterstützt und eine Microsoft-Rückkehr zumindest in Betracht zieht. Gäbe es da nicht ein Problem: Wie sich allmählich herausstellt, stehen Schmid und Reiter mit dieser Haltung ziemlich allein da.

Neue Probleme garantiert

In einem offenen Brief haben Mitarbeiter der Stadt die beiden Spitzenpolitiker nun aufgefordert, von einer Microsoft-Rückkehr abzusehen. Also ausgerechnet diejenigen, die Schmid als Linux-Leidtragende bezeichnet hatte, wollen gar keine Rückkehr zu Microsoft. Nicht etwa, weil es keine Probleme gebe, im Gegenteil: Durch die Umstellung auf Linux gab es immer wieder "lahmgelegte Computer, Mitarbeiter mussten sich in Schulungen umstellen" und es habe Kompatibilitätsprobleme gegeben, sagt eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung. Sie sagt aber auch: "Eine Rück-Umstellung würde garantiert erneut dieselben Schwierigkeiten erzeugen."

Eine Einzelmeinung? Eher nicht. Auch Karl-Heinz Schneider, Chef des städtischen IT-Dienstleisters IT@M, ist gegen eine Rückkehr zu Microsoft. Das eigentliche Problem, sagte Schneider dem Fachmagazin Heise Online, liege darin, dass das städtische IT-System von seinen Nutzern mit der Arbeit am privaten Computer verglichen werde. Man kann diese Worte als Seitenhieb gegen Josef Schmid verstehen, der gesagt hatte, er vermisse ein einheitliches Programm für E-Mails, Kontakte und Termine, wie er es von seinem privaten Rechner kenne. Denn das sogenannte Open-Source-Betriebssystem Linux ist anders als das Microsoft-Angebot kostenlos verfügbar und gilt als besonders sicher - doch bietet es keine einheitliche Benutzeroberfläche, wie sie viele städtische Mitarbeiter vom privaten Microsoft-Rechner gewohnt sind. "Zum Beispiel schaut in jedem Programm das Druckermenü komplett anders aus. So ist kein Arbeiten möglich", klagt ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung.

Externe Experten sollen prüfen

Auch in diversen Internetforen wird das Thema diskutiert: "Windows in der Schule, Windows auf so ziemlich jedem Kaufcomputer. Somit ist der gesamte Lern- und Entwicklungsprozess der Menschen auf Windows geprägt. Natürlich bekommen diese dann Probleme bei einer Umstellung", schreibt ein User im Forum Winfuture. Andere vermuten eine schlechte Schulung der städtischen Mitarbeiter oder sehen das Problem darin, dass es in der Verwaltung viele Fachverfahren gebe, für die nur Windows-Software verfügbar sei. Die Folge: Obwohl 80 Prozent der etwa 19 000 Stadt-Rechner auf Linux umgestellt wurden, laufen in einigen Referaten weiterhin parallel Windows-Anwendungen. Das führe zu Kompatibilitätsproblemen zwischen den Programmen der einzelnen Abteilungen.

Oberbürgermeister Reiter bemüht sich derweil zu betonen, es gehe bei der angekündigten Analyse nicht um die Frage Linux oder Microsoft, sondern darum, ob das aktuelle IT-System kostengünstig, leistungsfähig und nutzerfreundlich sei. Diese Prüfung wollen weder Dieter Reiter noch Josef Schmid der internen IT-Abteilung überlassen, stattdessen sollen externe IT-Spezialisten beauftragt werden. Sobald ein Ergebnis der Analyse vorliege, dürfe aber "nichts ausgeschlossen werden", heißt es aus dem Oberbürgermeisterbüro - auch die Rückkehr zu Microsoft nicht.