Wilco in München Männliches Gejammer
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Es zupft, klimpert, schallt, orgelt, zirpt und zwitschert: Im Circus Krone haben Wilco ein Hochamt des Rock zelebriert - mit viel Gitarren-Melancholie. Das begeistert nicht nur die Musikkenner.
Es ist wie bei einer Messe. Sobald Wilco um Punkt 21.44 die Bühne betreten, erhebt sich die Gemeinde. Sie johlt, klatscht, pfeift, applaudiert. Ganz schön viel Vorschusslorbeeren für Wilco-Boss Jeff Tweedy und seine fünf Bandmitglieder. Aber die knapp 1700 erwarten an diesem Abend im Circus Krone nichts Geringeres als eine musikalische Offenbarung.
Wilco-Boss Jeff Tweedy (Mitte) und seine fünf Bandmitglieder.
(Foto: jetzt.de)Denn ein Wilco-Konzert ist immer noch was für Eingeweihte. Die amerikanische Rockband hat den Nimbus eines Geheimtipps. Obwohl sie mittlerweile - je nach Zählweise - acht bis zehn Studioalben veröffentlicht hat und sogar schon die Tagesthemen über den "Erfolg der Band Wilco" berichteten.
1994 gründete Jeff Tweedy die Chicagoer Combo aus den Überbleibseln der Country-Rock-Truppe Uncle Tupelo. Mit dem verstorbenen Co-Gründer Jay Bennett gab es später erbitterten Streit, er wurde aus der Band gedrängt. Ohne jetzt ausführlich auf Band- und Wirkungsgeschichte einzugehen: In der Independent-Szene sind die Amerikaner Gitarren-Götter. Ihr 2002er Werk "Yankee Hotel Foxtrot" gilt dank elektronischer Einsprengsel und melodischer Experimente als Meilenstein des Alternative Rock. Zuletzt erschien im September "The Whole Love". Der Rolling Stone schrieb "Mit Wilco hat die Rockmusik den Stand ihrer Vollendung erreicht."
Und eben jene "Rockmusik in ihrer Vollendung" steht beim Konzert in der Nacht zum Donnerstag auf dem Programm. Das, und nichts anderes. Deshalb wird alles Beiwerk, was ein Konzert sonst zur Show macht, zur Nebensache. Das Bühnenbild etwa ist ein schwarzer Vorhang, ein paar weiße, umgedrehte Lampenschirme hängen von der Decke. Bildschirme oder Videoinstallationen? Fehlanzeige. Auch die Lightshow dient hauptsächlich dazu, den sechs Musikern auf der Bühne ihre Instrumente zu zeigen.
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Statt ständig seine Outfits zu wechseln, tauscht Jeff für fast jedes Lied die Gitarre. Auf eine Begrüßung hat er sowieso verzichtet. Stattdessen legt Wilco mit einer ruhigen Country-Alternative-Nummer los - und schafft den Übergang zum zweiten Song, indem die sechs Musiker einfach nur den Sound runterdimmen, bis es weitergeht.
So läuft das immer fort. Da zupft und klimpert es, schallt, orgelt, zirpt und zwitschert es. Mit einer an Perfektion grenzenden technischen Finesse eines Drummers, Keyboarders, Bassisten und meist drei Gitarristen. Die Songs verschwimmen, einzelne Lieder werden mit Soli minutenlang in die Länge gezogen. Welcher Titel da gerade zu hören ist? Unwichtig! Natürlich steht die ruhigere Nummer "I'll fight" auf der Setlist, oder "Capitol City" vom neuen Album. Aber bei Wilco geht es nicht um den einen großen Hit. Ihr ganzes Spiel ist der Hit.
Deshalb sind die Vorschusslorbeeren des Publikums gerechtfertigt. Zuschauer sind übrigens hauptsächlich Männer, hauptsächlich Kenner. Meistens Ü40er, die schon lange Musik hören. Solche, die sich in der Pause Platten am Merchandise-Stand kaufen statt CDs. Sie stehen in der Arena. Mit verschränkten Armen, wissend nickend, oft wippend, immer verzückt. Manchmal rufen sie laut "Yeah!" oder "Wilcooo!" Klatschen. Applaudieren. Jünger der ersten Stunde.
In den Gängen: die Tanzmäuse und Bartträger mit Gefühlsausbrüchen. Auf den Rängen: die "Neuen". Jene, die der mitgebrachten Gattin die Verehrung von Wilco erklären wollen: Dass Wilco die beste Rockband der Welt derzeit ist. Dass man die unbedingt live sehen muss. Dass das da vorn "männliches Gejammer" vonstatten geht. Dass das Gejammer auf der Bühne aber trotzdem optimistisch ist, auch wenn der Unterton melancholisch rüberkommt. Dass sie technisch auf Spitzenniveau sind, weil sie mittlerweile so eingespielt wie eine Jazz-Band sind.
Und dann gibt es noch die Amerikaner unter den Zuschauern. Schließlich gilt Wilco als bester Rock-Export der USA. Ein angetrunkenes, grünes XXL-T-Shirt will das lautstark untermalen. Ruft ständig dazwischen "Jeff!" "I love You Jeff!" Oder auch mal einfach nur " Chicagoo!". Ärgerliches Zischen im Saal: "You better go to the Oktoberfest!" Jeff Tweedy auf der Bühne nimmt`s ironisch: "Man sollte Amerikanern einfach nicht erlauben zu reisen." Sorry, Jeff. Nicht allen Amerikanern. Denn ohne Wilco hätte München an diesem Abend kein Hochamt der Rockmusik zelebrieren können.