Wiesn-Jobs im Test: Toboggan "Er war stets bemüht"

Läufer transportieren ihre Fahrgäste, indem sie ihnen eine Hand reichen und sie mit einem leichten Ruck aufs Band zerren. Dabei gehen sie in die Knie, lehnen sich weit nach hinten und lassen sich auf das Laufband gleiten, so, dass die Schuhsohlen quietschen.

In der ersten Stunde quietschen meine Chucks kein einziges Mal, mehr noch: Sobald ich mich nach hinten lehne, bekomme ich Panik und verliere das Gleichgewicht. Weiter als zwei, drei Meter schaffe ich es anfangs nie.

SZ-Journalist Thierry Backes (hinten) probiert sich als Toboggan-Mitarbeiter auf dem Oktoberfest.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Also erst mal eine Pause vom Band. Ich stelle mich an den Eingang und mache den Klugscheißer: "Ist es gefährlich?", will einer wissen. "Den einen oder anderen blauen Fleck muss man schon in Kauf nehmen", antworte ich. Es sind die Wörter, die Chef Claus Rudolf Konrad mir mit auf den Weg gegeben hat. "Kannst Du mir ein paar Tipps geben?", fragt der nächste. "Aber gerne", antworte ich: "Nach vorne beugen, nicht festhalten, und mit viel Schwung rauf aufs Band." Eine Gruppe fahnentragende Italiener rückt an, ich probiere es mit meinem Schulenglisch: "Run in, lean forward, don't hold the rail."

Hilft natürlich nicht: Der Mensch neigt dazu, das gerade Gehörte sofort wieder zu vergessen, sobald er Toboggan fährt.

"Ich will mit dir fahren"

Nach einer Stunde und 35 Minuten vertraut Daniel Luchsbacher mir ein Kind an. In der Zwischenzeit habe ich geübt, doch ganz sicher stehe ich noch nicht auf meinen Füßen. Ich lehne mich nicht weit genug zurück, purzele deshalb fast auf den Kleinen; Luchsbacher muss ihn und mich von hinten anschieben, um die Katastrophe zu verhindern. Wenig später der nächste Schock: Ein 100-Kilo-Brocken droht hinzufallen, als ich gerade neben ihm stehe. Pflichtbewusst schiebe ich ihn an - und werde fast unter ihm begraben. "Du musst die Physik knallhart ausnutzen", sagt Kollege Luchsbacher, "mit aller Kraft gegen ihn stemmen."

Kasperl und Bierdimpfl zu transportieren, das erspare ich mir (und Ihnen) lieber. Aber das mit den Kindern, das habe ich irgendwann raus. Luisa, zehn Jahre alt, rosa Dirndl, Zahnspange, stellt sich an, nachdem ich gut drei Stunden gearbeitet habe und meine Gliedmaßen langsam träge werden. "Ich will mit dir fahren", sagt sie und meint: mich. Luchsbacher nickt mir zu, und irgendwie fühlt es sich so an, als ob ich jetzt einen vollbesetzten Passagierjet landen soll. Er fährt zwar wieder hinter ihr mit, zur Sicherheit, die Kleine ziehe ich aber ganz alleine hoch.

Luisa strahlt, weil ihr die Luft im Gesicht so viel Spaß macht, vielleicht aber auch, weil ich so strahle. Endlich habe ich es geschafft, einen Kunden alleine zu transportieren. Das Beste ist: Luisa steht ein paar Minuten später noch einmal an der Kasse. Und dann noch einmal. Und immer will sie mit mir fahren.

"Er war stets bemüht", schreiben die Kollegen mir später ins Zeugnis: "Für einen Quereinsteiger gar nicht mal so schlecht."

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