Wiesn-Attentat Nagende Zweifel über die Tat

Am 26. September 1980 zündete Gundolf Köhler auf dem Oktoberfest eine Bombe - 13 Menschen starben. Die Ermittler geben ihm die Alleinschuld. Der Journalist Ulrich Chaussy bezweifelt die These und fordert ein Wiederaufnahmeverfahren.

Von Interview von Birgit Lutz-Temsch

Vor 25 Jahren, am 26.September 1980, explodiert am Haupteingang des Oktoberfests eine Bombe. 13 Menschen sterben, mehr als 200 werden verletzt. Die Ermittler unter Generalbundesanwalt Kurt Rebmann kommen zu dem umstrittenen Ergebnis, dass die Tat von dem Einzelgänger und Waffennarr Gundolf Köhler begangen wurde, der bei dem Attentat starb. Ulrich Chaussy, Autor des Buchs "Oktoberfest. Ein Attentat" bezweifelt dieses Resultat.

25 Jahre Wiesn-Attentat

mehr...

SZ: Zu welchem Schluss sind Sie bei ihren Nachforschungen gekommen?

Chaussy: Dass es so, wie die Behörden sagen, nicht gewesen sein kann.

SZ: Warum nicht?

Chaussy: Dafür gibt es viele Anhaltspunkte. Die Behörden beschreiben Köhler als einen Alleintäter, der vom Leben enttäuscht gewesen ist, der einen Hass gegen die Umwelt und sich selbst entwickelt hat. Andere Momente, die nicht mit diesem Bild zusammenpassen, wurden nicht weiter verfolgt.

Obwohl man feststellte, dass er Kontakte zur rechtsextremistischen Wehrsportgruppe Hoffmann hatte und an deren paramilitärischen Übungen teilnahm. Obwohl Zeugen sagten, es habe im Freundeskreis Köhlers Gespräche gegeben, die Bundestagswahl mit Strauß als Kanzlerkandidat mit einem Attentat zu beeinflussen.

SZ: Was für ein Mensch war Köhler?

Chaussy: Vermutlich nicht der sozial isolierte Einzelgänger, als den ihn die Ermittler darstellen. Warum schließt jemand, der so perspektivlos ist, kurz vor seinem Tod einen Bausparvertrag ab und zahlt 800 Mark ein? Warum sucht er per Anzeige Anschluss an eine Band, übt mit ihr und verabredet einen nächsten Termin für den Tag nach der Tat?

SZ: Wie liefen die Ermittlungen damals aus Ihrer Sicht ab?

Chaussy: Es gab einen Zeugen, Frank Lauterjung, der gesehen hat, wie Köhler kurz vor der Explosion gegenüber vom Haupteingang auf der Brausebadinsel mit zwei Männern diskutiert hat. Lauterjung schilderte minutiös, dass Köhler mit dem Koffer in der einen und der Tüte in der anderen Hand auf den Papierkorb zuging, den Koffer vorher abstellte und zu dem Papierkorb trat und die Bombe hineinlegte.

Er konnte sogar die Abmessungen der Bombe beschreiben, bevor sie rekonstruiert wurde. Diesen Zeugen prüft man bis in die politische Vergangenheit hinein und kommt zu dem Schluss, dass es sich um einen sehr ernst zu nehmenden Zeugen handelt.

Vier Wochen lang sucht man dann nach den besagten Männern, fordert sie auf, sich zu melden. Dann aber bricht der spätere Hauptzeuge aus Donaueschingen sein Schweigen und tischt seine völlig unglaubwürdige Version vom isolierten Einzeltäter auf.

SZ: Das ist der Wendepunkt in den Ermittlungen?

Chaussy: Ja. Von diesem Zeitpunkt an wird der Zeuge Lauterjung demontiert. Man schneidert sich die Ergebnisse zurecht und beseitigt störende Einflüsse. Die gesuchten Männer meldeten sich nicht - wahrscheinlich aus gutem Grund.

Die Behörden stellen Lauterjung dann zu einer letzten, gespenstischen Vernehmung ein. Man fragt ihn suggestiv, ob es nicht sein könnte, dass Köhler diese Leute, mit denen er hektisch geredet hat, gar nicht gekannt haben könnte. Und Lauterjung sagt, ja, vielleicht auch so.

SZ: Was war mit dem am Tatort gesehenen und später verschwundenen Koffer?

Chaussy: Es gibt ernst zu nehmende Hinweise, dass es diesen Koffer gegeben hat, auch der Generalbundesanwalt führt ihn in seinem Ermittlungsbericht an. Man bringt aber in der letzten Vernehmung Lauterjungs den Werkzeugkoffer aus Köhlers Auto und fragt, ob das nicht der Koffer gewesen sei.

Bald darauf stirbt Lauterjung. Mit 36 Jahren, an Herzversagen. Als geprüft wird, ob sein Tod in einem Zusammenhang mit dem Attentat stehen könnte, machen das dieselben Leute, die ihn zuvor vernommen haben.

SZ: Ist gezielt Einfluss genommen worden?

Chaussy: Ja. Ich weiß nicht, wann die Beamten der Sonderkommission begriffen haben, dass ihnen in ihre Arbeit reingepfuscht worden ist. Man hätte einfach sagen müssen: Wir fangen wieder von vorne an. Aber gegen Einflüsse von oben können sich wohl nur aufmüpfige Tatort-Kommissare zur Wehr setzen.

SZ: Was treibt Sie an bei Ihren jahrelangen Bemühungen?

Chaussy: In diesen 25 Jahren bin ich immer ungefähr drei Tage vor dem Jahrestag von Journalisten angerufen worden, die mal eben eine Telefonnummer von einem Opfer gebraucht haben. Das hat mich abgestoßen. Haben wir denn nichts anderes zu bieten als das Aufbrechen alter Wunden? Und in der Sache unternehmen wir nichts?

Außerdem widerstrebt es meinem Gerechtigkeitsempfinden, wie in Gundolf Köhler alles hineingestopft wurde. Ich konnte seine Rolle nicht klären. Die Behörden zeichnen ein Monster und unterschlagen entlastende Momente und Widersprüche. Das ist nicht in Ordnung.

SZ: Glauben Sie, dass die Ermittlungen noch einmal aufgenommen werden?

Chaussy: Immer weniger. Vor zwei Jahren bekam ich eine E-Mail von einer zur Tatzeit 14 Jahre alten Zeugin. Sie sagt, sie sei kurz vor der Detonation von einem Mann von der Sprengstelle weggezerrt worden, der ihr zu verstehen gab, dass hier gleich etwas passieren werde. Bei ihr hat die Polizei insinuiert, dass der Mann sie sexuell belästigen wollte. Wenn man damals nicht versucht hat, ihn anhand ihrer Beschreibung zu finden, wie soll man das jetzt machen?

SZ: Sie sagen, der Generalbundesanwalt hätte Sie einmal aufgefordert, ihm die Täter zu bringen.

Chaussy: Ja. Diese Bringschuld, die mir da auferlegt wird, verstimmt mich zutiefst. Ich soll die Täter bringen, jemand, der kein Staatsanwalt ist und sich dieses Amt auch nicht anzumaßen hat.

Ich kann nicht sagen, wie es war, ich will keine Hypothese in die Welt setzen, die ich genauso wenig belegen kann. Ich kann nur sagen, dass die Behörden das Herz haben sollten, zuzugeben, dass sie ein sehr unsicheres Ergebnis präsentiert haben. Und dass es ein öffentliches Interesse gibt, die Ermittlungen wieder aufzunehmen - das sind 13 Tote und mehr als 200 Verletzte.