Wiedereröffnung München feiert sein Gärtnerplatztheater

GärtnerplatzTheater Eröffnungsgala , Foto : Performance und Beleuchtet , 14.Oktober 2017 , Foto : C : Stephan Rumpf

(Foto: Stephan Rumpf)

Bei der Wiedereröffnung funkelt und strahlt alles, Intendant Josef E. Köpplinger spricht von einem "Ort der gelebten Utopie" - und irgendwann rückt die Feuerwehr an.

Von Egbert Tholl

Es ist, als wäre das ganze Viertel verändert. Jahrelang ist man nicht mehr diesen Weg gegangen von der U-Bahn-Station zum Gärtnerplatztheater, nun ist er reine Sensation. Die Straße ist voll, der Platz ist voll, auf dem Rondell des Gärtnerplatzes gehen von innen leuchtende Gestalten spazieren, vermutlich aus dem Musical "Priscilla", auf der Fassade des Theaters glänzt die Projektion eines Goldlamettavorhangs. Kaum möglich, dass alle, die vor dem Theater stehen, in dieses auch hineinpassen. Es ist ein Lachen in der lauen Luft, eine enorme Freude: Das Staatstheater am Gärtnerplatz wird nach fünfeinhalb Jahren des Um- und Neubaus wiedereröffnet.

Es ist Gala, aber lässig, doch manche finden vor Aufregung ihren Platz nicht. Und weil Gala ist, trägt der Intendant Josef E. Köpplinger an diesem Abend keine Schirmmütze wie sonst meist, nur einen schönen, blauen Anzug. Aber erst einmal eröffnet Kunstminister Ludwig Spaenle mit kompakten Sätzen den Abend, dann geht der Vorhang auf, der nun, das ist neu, elegant gerafft zur Seite huscht, nun folgt ein großes "Ah" des Publikums, in dem so viele Intendanten sitzen, dass die Absenz der Fehlenden auffällt.

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Erst einmal sieht das Publikum sich selbst im Spiegel, umgeben vom Leuchtrahmen des Portals, dann kommt Köpplinger aus der Tiefe der Hinterbühne, als wolle er den langen Weg beschreiten, auf dem das Gärtnerplatztheater mit vielen Ausweichspielstätten ins Stammhaus zurückfand. Allerdings braucht er für diesen Weg nicht fünfeinhalb Jahre.

Köpplinger spricht davon, dass "dieses Theater schon immer alle Menschen verbinden wollte", spricht von ihm als einem "Ort der gelebten Utopie", ja der Liebe. Er spricht gar nicht viel, will lieber mit seiner ganzen Freude hinter den folgenden Darbietungen verschwinden und sagt, er hoffe, dass sich sein "kolibrimäßiger" Herzschlag ein wenig beruhigen möge. Denn was das Publikum im herausgeputzten Zuschauerraum, in den lichter wirkenden und dennoch immer noch engen, an diesem Abend überfüllten Foyers nicht merkt: Die Eröffnungsgala ist einer Baustelle abgetrotzt. Na ja, vielleicht klingt Baustelle etwas übertrieben, aber die Haustechnik hält immer noch Überraschungen bereit.

Als sich die Feier der Wiedereröffnung vom oberen Foyer in die Kantine verlagert, geht irgendwann der Feueralarm los. Die Rauchmelder sind beleidigt über das Provisorium des Küchenabzugs, die Kantine wird geräumt, auf dem Weg nach unten begegnet man der Feuerwehr, auf der Straße stehen Löschzüge. Doch das Lachen hält an; vermutlich sahen die Feuerwehrleute noch nie so fröhliche Menschen bei einem Einsatz, der auch bald vorbei ist. Und oben wird weitergefeiert.

Oben, da ist die Kantine mit der wie gehabt schönsten Dachterrasse Münchens. Schaut man auf der anderen Seite aus dem Fenster, sieht man das Dach des neuen Orchesterprobensaals, eine spektakuläre Architektur wie ein Kristall, leider gut verborgen vor den Augen der Öffentlichkeit. Diese sieht die für sie entscheidende Veränderung im Haus ebenfalls nicht, hört sie aber: Der Orchestergraben, jahrzehntelang Zentrum eines eher muffigen Klangs, ist zur akustischen Sensation umgestaltet, das Orchester strahlt und funkelt.

Die Musiker haben nicht mehr Platz, aber viel mehr Spaß. So dirigieren Anthony Bramall, der Chefdirigent, und die Hausdirigenten Andreas Kowalewitz und Michael Brandstätter bei der Gala mit ungebremster Lust ein lustiges Sammelsurium aus Solo- und Ensemblenummern, Rossini, Mozart, Donizetti, Weill, Bizet, Sondheim, Strauß, Lehár. Das Ballett tanzt eine dekonstruierte Polka, es gibt erstaunliche Sängerleistungen zu bewundern, das Orchester prunkt mit "Star Wars" und Verdi, Gisela Ehrensperger und Franz Wyzner, zusammen älter als das Gärtnerplatztheater, sorgen mit einem Duett aus "Anatevka" für einen hinreißend zarten Moment der Rührung.

Sigrid Hauser moderiert. Dafür hat sie pointierte Zitate gesammelt wie etwa den Zeitungsbericht aus dem Jahr 1907, als beim Kampf um Karten für die 150. Vorstellung der "Lustigen Witwe" so mancher Anzug und manches Kleid ruiniert wurden. Am 19. Oktober hat Köpplingers Neuinszenierung der "Witwe" Premiere. Für die Gala hat er Hauser einen Zitatfund angetragen. 1938 notierte Joseph Goebbels in sein Tagebuch, er fürchte um seine Vorstellung von "deutscher Kunst", wenn öffentlich werde, Johann Strauß sei "zu einem Achtel Jude". Daneben stellt Köpplinger in der Gala den "O fortuna"-Chor aus Orffs "Carmina burana", erfolgreich uraufgeführt 1937 in Nazideutschland.

Ob Intendant Köpplingers subtiler Hinweis auf die Diskrepanzen in der Geschichte der Musik von allen Besuchern der Gala verstanden wird, sei dahingestellt. Nachher, bei der Feier, macht er jedenfalls sein Anliegen deutlich: "Wir wollen nicht lügen von der Bühne." Und die Schlange der Barbarei besiegen. Den nun strahlenden Ort hat er dafür.

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