Von Christian Rost

Der Ausbau der Betreuungsplätze stößt immer häufiger auf den Widerstand von Anwohnern. Sie fühlen sich von den Kindern belästigt.

Bei der Einrichtung neuer Kindertagesstätten stoßen die Stadt und auch private Betreiber immer öfter auf Widerstand von Nachbarn, die sich belästigt fühlen. "Die Toleranz gegenüber Kindern sinkt", stellt das Schulreferat fest. Dennoch will die Stadt in den nächsten vier Jahren 7900 neue Betreuungsplätze in München schaffen.

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Immer neue Probleme mit Nachbarn hat zum Beispiel Alja Elsner, die seit Monaten versucht, ein Mietobjekt für eine neue Kindertagesstätte zu finden. Die Finnin und langjährige Leiterin eines Kindergartens möchte eine eigene deutsch-, finnisch- und englischsprachige Betreuungseinrichtung aufbauen, hat schon weit mehr als 30 Kinder, die sie letztlich aufnehmen könnte, auf der Anmeldeliste und ein Erzieherinnenteam gebildet. Das Schulreferat billigte ihr Betreiberkonzept uneingeschränkt.

Zehn Immobilien habe sie in München für ihr Projekt ins Auge gefasst, "doch wenn die anderen Mieter in den Häusern hörten, dass es eine Nutzungsänderung für einen Kindergarten geben soll, drohten sie den Vermietern, auszuziehen", berichtet Elsner. Die Vermieter hätten dann jeweils einen Rückzieher gemacht: Sie wollten ihre gut zahlende Klientel, die in den meisten Fällen Büroräume angemietet haben, nicht verlieren. So ist Elsner mit ihrem Vorhaben bei Immobilienbesitzern in der Schwanthalerstraße genauso abgeblitzt wie in der Balanstraße: "Vor allem störte die Nachbarn, dass neben Kleinkindern auch Kindergartenkinder betreut werden sollen. Und gerade ältere Kinder seien zu laut", hörte Elsner oft als Argument.

Eine typische Erfahrung, wie man auch bei der Stadt weiß. Eva Maria Volland, die Sprecherin des Schulreferats, sieht die Tendenz, dass "die Toleranz gegenüber Kindern sinkt und sich Beschwerden über Betreuungseinrichtungen in der Nachbarschaft häufen". Wie berichtet, hatten in dieser Woche Anwohner in der Bogenhausener Possartstraße gegen die Einrichtung eines Kindergartens vor dem Verwaltungsgericht geklagt - und waren gescheitert. Für die Stadt ist das Urteil ein beruhigendes Signal, "denn immer wieder verweigern Nachbarn ihre Unterschrift unter einem Bauantrag, wenn sie erfahren, dass es sich um eine Kindertageseinrichtung handelt", sagt Volland. Durch die Verweigerung der Unterschrift hielten sich die Anwohner den Klageweg offen.

SPD und Grüne haben sich wegen des rasch wachsenden Bedarfs darauf verständigt, den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen in München weiter voranzutreiben. Im Juli stimmt der Stadtrat über das Investitionsprogramm bis zum Jahr 2012 ab, in dem 200 Millionen Euro für den Neubau von 5000 Kindergartenplätzen, 2000 Hortplätzen und 900 Krippenplätzen vorgesehen sind. Besonders bei den bis zu Dreijährigen ist die Situation angespannt: 6500 Krippenplätze gibt es bislang in München. Eine Elternbefragung ergab jedoch, dass für rund 40 Prozent der 36 000 Kleinkinder ein Krippenplatz benötigt wird. Momentan steht aber nur für jedes fünfte Kind ein Platz zur Verfügung - Eltern-Kind-Initiativen und Tagespflegefamilien eingerechnet.

Um die langen Wartelisten für Neuaufnahmen insbesondere bei den Krippen abzubauen, drückt die Stadt aufs Tempo. Und stößt dabei zunehmend auf Widerstand. Im Jahr 1999 erzwang ein Gärtnereibetreiber in Trudering durch seine Klage gegen einen Kindergarten sogar einen fünfjährigen Baustopp. Ihm ging es weniger um Lärm, er wollte weiter seine Pflanzenschutzmittel spritzen, ohne auf Kinder Rücksicht nehmen zu müssen. Das Gericht wies darauf hin, mit solchen Mitteln sei auch ohne Kinder in der Umgebung größte Vorsicht geboten - und ließ den Kindergartenbau doch noch zu.

Nach einer regelrechten Odyssee auf dem ohnehin angespannten und teuren Mietmarkt in München steht die vierfache Mutter Alja Elsner nun kurz vor dem Ziel. In Schwabing könnte es klappen. Allerdings erst, nachdem Elsner eine Lärmmessung vornehmen ließ und den Nachbarn versprach, eine 20.000 Euro teure Schallschutzdecke einziehen zu lassen. Elsner: "Glücklicherweise steht meine Bank bei dem Projekt voll hinter mir."

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(SZ vom 8.5.2008/wib)