Westend Schule als Gehege

Für die Lehrerin Inge Lohmark (Ursula Berlinghof) sind schwache Schüler nur Ballast, der das Fortkommen der anderen behindert.

(Foto: Florian Peljak)

Frau Lohmark ist streng, selbstgerecht und eine der letzten ihrer Art. Das Ein-Personen-Stück "Der Hals der Giraffe" zeigt die Lehrerin im Mathilde Westend in einer schauspielerischen Achterbahnfahrt.

Von Stephanie Schwetz, Westend

Inge Lohmark ist eine Lehrerin der alten Schule. Anspruchsvoll, respekteinflößend und von gnadenloser Strenge. Ihre Lehrmethode: Frontalunterricht. Früher nannte man solche Leute Pauker. Heute ist diese Frau eine der letzten ihrer Art. Lohmark ist die Protagonistin des Ein-Person-Stücks "Der Hals der Giraffe" nach dem Roman von Judith Schalansky, das nun im Mathilde Westend, Gollierstraße 81, München-Premiere hat. Ursula Berlinghof spielt diese nüchtern-distanzierte Frau, die an einem Gymnasium im vorpommerschen Hinterland unterrichtet. Seit 2016 schlüpft sie in der Produktion der Württembergischen Landesbühne Esslingen unter Regie von Johan Heß in die Rolle der Lehrerin.

Die Schule ist Inge Lohmarks zentraler Lebensraum. Ihre Fächer Biologie und Sport - beides Disziplinen, in denen es um Dominanz geht, um Überleben und Sieg. Entsprechend wenig Verständnis hat sie für Kollegen, die auf Chancengleichheit setzen. "Ich gehöre nicht zu den Lehrern, die am Ende des Schuljahres einknicken." Denn "die Schwachen sind nur Ballast, der das Fortkommen der anderen behindert". Naturhaushalte, Vererbungsvorgänge, Entwicklungslehre. Das sind die biologischen Grundpfeiler, auf denen das Weltbild der Inge Lohmark beruht. Denn die Phänomene der Natur finden sich überall: in der Familie, im Beruf und in der Schule. "Die Schule ein Gehege." Allerdings gehen dem Gymnasium die Schüler aus, so wie sich die ganze ostdeutsche Region entvölkert. Deshalb ist Lohmarks neunte Klasse die letzte dünn besetzte Jahrgangsstufe, die dort Abitur machen soll. Dann steht die Schule vor dem Aus.

Dass damit auch die Schulkarriere der Inge Lohmark zu Ende geht, demonstriert Ursula Berlinghof in einer schauspielerischen Achterbahnfahrt aus komischen und dramatischen Momenten. In einem einzigen Monolog wechselt die Schauspielerin fortwährend die Adressaten - Schüler, Kollegen, den Nachbarn. Dann wieder wirft sie die Stirn in Falten und kommentiert das Gesagte mit rauchiger Stimme - zynisch und unerbittlich. Allein wie sie über ihre Schüler spricht: Saskia mit ihrer "zwanghaften Fellpflege", Ellen das "Opfertier" oder "Erika, das Heidekraut". Der selbstgerechte Auftritt einer Lehrerin, die Bescheid weiß über das Leben.

"Ich mag sie sehr", sagt Ursula Berlinghof über diese störrische, spröde Figur. Was sie beeindrucke, sei die Leidenschaft, mit der sie ihr Fach betreibt. Und dass sie eine ist, die es auch aushält, dass man sie fürchtet. Für Inge Lohmark ist die Schule alles und doch zu wenig. Dafür gestaltet sich ihr Privatleben zu dürftig. Der Ehemann widmet seine ganze Aufmerksamkeit der Straußenzucht. "Die große Liebe ist es nie gewesen." Die einzige Tochter lebt seit Jahren in den USA. So zeigt Lohmarks System der permanenten Selbstablenkung plötzlich Schwächen. Als sie gegen alle ihre Prinzipien Gefühle für die Schülerin Erika empfindet, als sie per E-Mail von der Hochzeit ihrer Tochter erfährt und als sie sich an eine heimliche Abtreibung erinnert.

Ursula Berlinghof sieht in dem naturwissenschaftlichen Lebensansatz der Inge Lohmark eine Strategie, sich im Zustand des emotionalen Mangels einzurichten. Genauso wie auch die Kunst oft dem Wunsch entspringt, ein Defizit auszugleichen. Sie selbst habe das als Jugendliche erlebt. "Ich war nicht schön. Ich war kein Überflieger. Ich war nicht revolutionär. Aber ich konnte Leute zum Lachen bringen". Heute steht Ursula Berlinghof auf der Bühne.

Mehr und mehr dringt sie mit ihrem Spiel in die tiefsten Persönlichkeitsschichten der Inge Lohmark vor, kreiert Momente, in denen die Lehrerin aus ihrer Rolle fällt, Gefühle zeigt, laut wird und beim Schreiben einen Stift nach dem anderen abbricht. Ein Podest, ein Stuhl, eine Leiter und ein paar schulische Utensilien - mehr braucht Berlinghof dafür nicht. Dabei sei der winzige Raum des Mathilde Westend eine ungewohnte Herausforderung. "Wie vor der Kamera spielt man da", sagt sie. Als würden die Zuschauer einem in den Kopf schauen.

Für Inge Lohmark ist die Evolution der natürliche Fortgang des Weltgeschehens. "Wir sind nur hier, weil viele andere auf der Strecke geblieben sind", erklärt sie ihren Schülern. Man denke nur an die Giraffe, die sich mit ihrem langen Hals gegen andere Arten behaupten konnte. Weil sie sich angestrengt hat - unaufhörlich. Das musste auch Lohmark, in der DDR genauso wie nach der Wende. Die Biologie hat all das mit ihr überdauert und sich als unerschütterliches Lebensfundament erwiesen. Im Übrigen: "Gar keine Staatsform wäre die allerbeste. Es würde sich alles von ganz alleine organisieren."

Bei einer Vorführung in Ost-Berlin wurde Ursula Berlinghof einmal mit dem Vorwurf konfrontiert: "Sie haben den Ost-Geruch nicht". Für Berlinghof ist diese Lehrerin jedoch weniger ein ostdeutsches Phänomen, als eine Person, die an ihrer preußischen Unnachgiebigkeit scheitert.

Womöglich hat sich Inge Lohmark im Gegensatz zur Giraffe doch nicht genug angestrengt und gerät nun erschöpft und verletzt zum Exempel der sozialen Auslese. Illusionen macht sie sich keine - weder privat noch beruflich. Regionalschule, Grundschule, Volkshochschule? Nicht mit ihr. Ihre Zeit am Gymnasium neigt sich dem Ende zu. Bis dahin gilt: "Weitermachen. Was bleibt auch anderes übrig. Übrig bleibt nichts. Alles wird verschwinden. Früher oder später. Meistens plötzlich. So wie jetzt."

"Der Hals der Giraffe", Ein-Personen-Stück mit Ursula Berlinghof im Mathilde Westend, Gollierstraße 81. Premiere (ausverkauft) am Donnerstag, 9. November, 20 Uhr. Weitere Termine und Karten unter www.mathilde-westend.de