Seit dem tödlichen Bungee-Sprung von Dortmund kämpft Unternehmer Jochen Schweizer um seinen Ruf.
Und schon wieder greift Jochen Schweizer zum Telefon. Befragt sein "Gedächtnis", wie er seinen Prokuristen nennt. Zahlen braucht er, viele Zahlen, die beweisen sollen, dass ein Bungee-Sprung ungefährlicher ist als der Weg mit dem Auto zum Sprungzentrum. Auch wenn vor knapp drei Wochen in Dortmund ein Seil gerissen und ein 31-Jähriger gestorben ist.
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Viel geschlafen hat er seitdem nicht, das ist ihm anzusehen. Nächtelang geistere er durch die Gegend. "Ich will wissen, was da passiert ist. Ein Bungee-Seil kann nicht reißen, das geht nicht." Dreimal sagt er das. Und gerissen ist es doch.
Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. Auch Schweizer und seine Mitarbeiter wollen herausfinden, was geschehen ist, vor oder während des Sprungs am 20. Juli, dem 108. Sprung mit diesem Seil.
"Ich habe keine Angst vor den Ermittlungsergebnissen", sagt Schweizer, "im Gegenteil. Es hat keine technischen Mängel gegeben. Wir führen akribisch Buch über die Verwendung des Seils, wann es verwendet wird, wie oft, wie viele Stunden, wie viel die Springer wiegen, wie das Seil im Lauf der Sprünge die Länge verändert, und so weiter. Es gab keine Auffälligkeiten an dem Seil, alles war wie immer."
Warum kein Überdehnschutz?
Die Seile, die er selbst produziert, bestehen, wie alle Bungee-Seile, aus Latexfäden. In den USA ist zusätzlich ein Überdehnschutz eingebaut - ähnlich einem Bergseil. "Es fällt sehr, sehr schwer, sich das einzugestehen", sagt Schweizer. "Aber mit einem amerikanischen Seil, in dem ein solcher Schutz eingebaut gewesen wäre, wäre das nicht passiert." Warum er keinen Überdehnschutz verwendet? "Wozu denn? Unsere Seile können, nach allen Gesetzen der Physik, nicht reißen. Auch der TÜV bestätigt, dass wir den derzeit höchsten Sicherheitsstandard verwenden."
Die Aufzeichnungen vom Unglückstag liegen jetzt bei der Dortmunder Staatsanwaltschaft. Das Video, das von dem Verunglückten aufgenommen worden ist, zeige zudem, dass er korrekt gewogen, eingewiesen, angezogen und gesichert worden sei, so Schweizer. Seltsam findet er, dass das Seil in der Nähe des Springers gerissen ist. "Wenn mit einem Seil etwas nicht in Ordnung ist, dann müsste es dort reißen, wo die Last am größten ist, und das ist oben, an der Rampe." Kann das Seil manipuliert worden sein? Dazu will er nichts sagen, denn "ich beteilige mich nicht an Spekulationen". Aber die Staatsanwaltschaft ermittle auch in Richtung Sabotage.
Mehr als eine halbe Million Springer
Der Prokurist bringt die Zahlen, und diese geben Schweizer Recht bei seinem Vergleich mit dem Straßenverkehr, zumindest statistisch. Seit 1991 gibt es die feste Bungee-Anlage an der Ruder-Regattastrecke in Oberschleißheim, später kamen die Zentren in Hamburg, Wien und Dortmund dazu, außerdem mobile Sprunganlagen.
550.000 Sprünge an nahezu 3000 Seilen. Zählt man die Kunden an anderen Geräten wie Ultraball, Airkick oder SkySeat hinzu, kommt man auf drei Millionen Menschen, die sich bei Jochen Schweizer schon einmal auf die Suche nach dem besonderen Kick begeben haben. Eine stattliche Zahl, die wenigen Verletzten gegenüber steht.
"Eine gewisse Verletzungsquote gibt es bei solchen Sachen immer", sagt Schweizer. "Aber wenn ich Extremsport mache, dann muss ich doch damit rechnen, dass ich auch mal einen Kratzer abbekomme." Von Unfällen will Schweizer dabei gar nicht reden, sondern von Sportverletzungen, die dann passieren, wenn die Kunden Anweisungen missachten oder Sachen ausprobieren, die man lieber lassen sollte.
So wie im vergangenen Jahr am Pucher See. Im Juni 2002 wurden dort zwei Jungen verletzt, die sich mit einem Airkick, einem Katapult, ins Wasser schleudern ließen. Der Aufprall war härter als geplant - einer der beiden Buben musste mit inneren Verletzungen ins Krankenhaus und operiert werden. Laut einem Gutachten, das die Staatsanwaltschaft München II in Auftrag gegeben hatte, war die Anlage TÜV-konform. Dennoch, so Staatsanwalt Rüdiger Hödl zur SZ, seien nach dem Gutachten weitere polizeiliche Ermittlungen nötig geworden. Die Schuldfrage sei noch nicht geklärt. Schweizer sagte damals, die Jungen hätten Salti gemacht - und dafür sei der Airkick nicht vorgesehen.
Menschliches Versagen?
Im September dann ein Unfall am Bungee-Sprungzentrum an der Ruder-Regattastrecke in Oberschleißheim: Ein 22-Jähriger springt aus 50 Metern Höhe. Der junge Mann schlägt viel zu schnell auf dem Wasser auf und zieht sich Kopfverletzungen zu.
Jochen Schweizer gibt zu, dass das Seil zu lang eingestellt gewesen sei, "wenn auch nicht gravierend". Erschwerend sei hinzu gekommen, dass der Springer sehr groß gewesen sei und nicht die richtige Eintauchposition eingenommen habe. "Er hatte den Kopf im Nacken. Wenn ich so vom Fünf-Meter-Brett springe, sehe ich nachher auch schlimm aus."
Kaum ein Jahr später nun der Unfall in Dortmund. Sind Schweizers Anlagen doch nicht so sicher, wie er das behauptet? "Wenn an solchen Extremsport-Geräten was passiert, dann liegt es meistens an menschlichem Versagen und nicht an der fehlerhaften Ausrüstung", sagt Volker Kron, Experte für Extremsport beim TÜV Süddeutschland.
Derlei Anlagen würden vor der Inbetriebnahme im Auftrag der Hersteller vom TÜV oder einem vergleichbaren Dienst geprüft. Bei mobilen Geräten komme in München zusätzlich noch die Kontrolle an Ort und Stelle hinzu, die oft von einem Experten der Lokalbaukommission gemacht werde, so Sebastian Groth, Sprecher des Kreisverwaltungsreferats.
Gerade was die Kompetenz der Team-Mitglieder betrifft, die die Kunden an den Geräten einweisen, erhebt eine 23-Jährige aus Kirchdorf schwere Vorwürfe gegen Jochen Schweizer. Sie hatte sich 1998 in einem Ultraball im Olympiapark verletzt. Die Mitarbeiter des Schweizer-Teams hätten mit dem Notfall nicht umzugehen gewusst. Sie hätten sich sogar geweigert, einen Krankenwagen zu holen ("Wie sieht denn das jetzt aus?"), lauten die Anschuldigungen Christina Preusslers unter anderem.
In diesem Fall einigte man sich außergerichtlich - Schweizers Versicherung zahlte der jungen Frau eine Entschädigung. Als "erstunken und erlogen" bezeichnet Jochen Schweizer die Anschuldigungen Preusslers, die sich nun, fünf Jahre später, nach dem Dortmunder Unfall an die Presse gewendet hatte.
Seine Mitarbeiter hätten sich vorbildlich verhalten, innerhalb von vier Minuten sei ein Krankenwagen vor Ort gewesen. Der Vater der Frau, Anton Preussler, unterstützt die Ausführungen seiner Tochter zwar in weiten Teilen. An die Aussage, dass kein Krankenwagen geholt werden könne, konnte er sich im Gespräch mit der SZ aber nicht erinnern.
Wie sieht der Extremsport-Unternehmer den Wirbel um den tödlichen Unfall im Rückblick? "Ich stehe zu allem, was passiert ist", sagt Jochen Schweizer. "Gerade ist ein Mensch gestorben, die größte Katastrophe, die man sich vorstellen kann. Aber jetzt wird meine Person demontiert, und dagegen wehre ich mich."
Hierarchiches Mitarbeiter-System
Lücken in der Sicherheit und bei der Ausbildung seiner Mitarbeiter sieht er nicht. "Ungefähr die ersten 50.000 Leute habe ich selber springen lassen", erzählt er von den Anfängen des Bungee-Business. Mit der steigenden Nachfrage habe er Leute eingestellt, "und von diesem Zeitpunkt an konnte ich nicht mehr so gut schlafen. Weil ich mich auf andere Leute verlassen musste."
Deswegen habe er ein streng hierarchisches System eingeführt, innerhalb dessen nur aufsteigen könne, wer sich bewähre. Seine Mitarbeiter seien allesamt in Erster Hilfe unterwiesen. Ein ehemaliger Mitarbeiter, der nicht genannt werden möchte, bestätigt Schweizers Beschreibungen. "Man ist lange so was ähnliches wie ein Lehrling, bevor man wirklich etwas machen darf", berichtet er. In Erster Hilfe sei er allerdings nicht ausgebildet worden.
Die Frage nach dem Weitermachen
Jochen Schweizer sitzt vor seinem Bildschirm, sieht sich Fotos an von damals, aus den 80er-Jahren. Als er auf der Südsee-Insel Vanuatu vor einer hölzernen Stammes-Sprunganlage steht, von der man sich dort als junger Mann stürzen musste, um als erwachsen zu gelten. An ein Ende des Bungee-Sports glaubt er nicht.
Seine Anlagen hat er geschlossen, vorerst. Und jetzt fragt er sich: "Wenn wir nicht herausfinden, warum das Seil gerissen ist, wenn es also eine Möglichkeit mit der Wahrscheinlichkeit X gibt, dass wieder ein Seil reißt, irgendwann, gegen alle Gesetze der Physik - mache ich dann trotzdem weiter?"
Er wird noch eine Weile brauchen, bis er die Antwort auf diese Frage gefunden hat.
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