Weiße-Rose-Mitgründer heilig gesprochen Alexander von München

Zu Sowjetzeiten hat sich die russisch-orthodoxe Kirche schwer damit getan, Gegner des Bolschewismus heilig zu sprechen. Jetzt wurde Alexander Schmorell, Widerstandskämpfer und Mitbegründer der Weißen Rose, in den Kreis der Heiligen aufgenommen.

Von Jakob Wetzel

Sie haben auch an seine Mitstreiter gedacht, an die anderen Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Kerzen stecken im Schnee auf den Gräbern von Hans und Sophie Scholl und von Christoph Probst, weiße Rosen liegen auf ihren Grabsteinen auf dem Friedhof am Perlacher Forst.

Prozession auf dem Friedhof Perlacher Forst zur Heiligsprechung des Münchner Widerstandskämpfers Alexander Schmorell.

(Foto: Claus Schunk)

Gekommen aber sind sie wegen Alexander Schmorell, vor seinem Grab drängen sich die Menschen. Es ist Samstagnachmittag, die Mitglieder der russisch-orthodoxen Gemeinde haben sich zum Totengedenken versammelt, sie singen, beweihräuchern und schmücken das Grab des Widerstandskämpfers. Auch viele katholische und evangelische Münchner Bürger sind gekommen. Fotografen und Kameraleute bemühen sich um die besten Plätze.

Dann ziehen sie weiter in die nahe Kathedrale der Heiligen Neumärtyrer und Bekenner Russlands. Alexander Schmorell war Mitgründer und treibende Kraft der "Weißen Rose". Die Gruppe druckte und verteilte von 1942 an Flugblätter gegen das Terror-Regime und den Völkermord der Nationalsozialisten. Schmorell wurde dafür am 13. Juli 1943 im Alter von 25 Jahren im Gefängnis Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet.

Die russisch-orthodoxe Kirche in Deutschland hat ihn dafür nun heiliggesprochen. Nach dem Totengedenken verherrlichten Priester und Gemeinde die Ikone des Widerstandskämpfers in einem dreieinhalbstündigen, vornehmlich auf Kirchenslawisch gesungenen Gottesdienst in der Kathedralkirche in Giesing.

Am Sonntag leitete Mark, Erzbischof von Berlin und Deutschland, eine Eucharistiefeier. Für die Gemeinde ist die Heiligsprechung ein großes Ereignis. Metropoliten und Bischöfe aus Russland und der Ukraine sind gekommen, außerdem Vertreter der katholischen und der evangelischen Kirche.

Alexander Schmorell gilt fortan als "Neumärtyrer". Als solche verehrt die russisch-orthodoxe Auslandskirche vor allem Geistliche, die unter Lenin und Stalin ermordet worden sind, um die Religion in der Sowjetunion zu unterdrücken. Die Schar der Neumärtyrer umfasse mehr als hunderttausend Menschen, sagt Nikolai Artemoff, der Erzpriester der Münchner Kathedrale.

Auch Schmorell gehöre dazu: Geboren in Orenburg in West-Sibirien, sei Schmorell im russisch-orthodoxen Glauben aufgewachsen. Stets habe er ein Gebetsbuch bei sich getragen. Noch am Tag der Hinrichtung habe er von einem russisch-orthodoxen Priester die Kommunion empfangen.

Er habe aber nicht nur Trost in der Religion gefunden, sondern überhaupt aus seinem Glauben heraus Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet, erzählt Artemoff. Das gehe aus Briefen unter anderem an seine Schwester hervor. Außerdem habe er stets den Bolschewismus verachtet - was ihn der russisch-orthodoxen Auslandskirche nahebringt, denn sie selbst entstand wegen der sowjetischen Christenverfolgung.

Ein streng geregeltes Verfahren zur Heiligsprechung gibt es unter Russisch-Orthodoxen nicht. Für Alexander Schmorell wandte sich die Gemeinde an die Bischofssynode in New York, die sah die Akten durch und stimmte zu. 2007 gab auch das Bischofskonzil, das oberste Gremium der Auslandskirche, grünes Licht.

Erzpriester Artemoff sieht in der Heiligsprechung Schmorells auch ein Symbol für die Völkerverständigung zwischen Deutschen und Russen - und nicht zuletzt ein Signal an Russland, die sowjetische Vergangenheit stärker aufzuarbeiten.

Die russische Kirche hatte zu Sowjetzeiten nur Heilige zugelassen, die sich mit dem Bolschewismus in Einklang bringen ließen. Der Feiertag Alexanders von München, wie Schmorell in der russisch-orthodoxen Kirche fortan genannt wird, ist der 13. Juli, der Tag seiner Hinrichtung - zumindest in Deutschland, denn seine Heiligsprechung gilt vorerst nur hier.

Artemoff geht aber davon aus, dass andere Diözesen der Auslandskirche nachziehen werden. Und auch der Patriarch von Moskau sei bereits informiert.