Die Forderungen von Uhl und Beckstein kommen dem "Aufruf zur Ausländerverfolgung" gleich, sagt der Chef des Ausländerbeirats Cumali Naz. Die Rede ist von "Sippenhaft".

Anzeige

Bei den Zeitungen gehen stapelweise empörte Leserbriefe ein. Während die einen sich über die "Hetzkampagnen gegen ausländische Mitbürger" echauffieren, schreibt ein anderer an die SZ: "Bravo, Herr Uhl! Endlich ein mutiger Politiker. Der Sympathie der schweigenden Mehrheit können Sie sicher sein."

Die Eltern werden von Reportern bestürmt, zeigen sich überfordert und können gar nicht verstehen, wie ihr Nesthäkchen, den sie für "so einen lieben Jungen" halten, schwer kriminell werden konnte. Die Abschiebung sei für Mehmet eine "Katastrophe", sagt die Familie. Schließlich spreche er kaum Türkisch, sondern das urbairische Idiom. Wenn er seinen Opfern droht, sagt er "Willst a Fotzn?"

Doch es gibt einen in München, der mit dem "verwahrlosten Früchtchen" Mitleid hat: Jugendamtsleiter Hubertus Schröer. "Wir geben Mehmet nicht auf. Kinder, und Mehmet ist ein Kind, haben Recht auf Hilfe." Gesagt, getan. Zusammen mit dem Sozialreferenten Friedrich Graffe setzt sich Schröer dafür ein, dass Mehmet drei Monate intensive Betreuung durch zwei Sozialarbeiter des Jugendamtes bekommt. Später wird bekannt, dass der Staat bis zu seiner Abschiebung insgesamt 90.000 DM investiert hat. Mit seiner Aktion macht sich Schröer auch Feinde, bekommt viele Drohungen. Dass er ein "Sozialromantiker" sei, sagt er über sich selbst, doch er gibt nicht auf.

Alles sieht zunächst gut aus. Mehmet scheint gewillt, sich zu bessern. Dann die Katastrophe. Mehmet erleidet im Juli 1998 einen Rückfall. Gemeinsam mit zwei Freunden verprügelt er einen 19-Jährigen wegen einer Zigarette und raubt ihn anschließend auch noch aus. Zu diesem Zeitpunkt ist der junge Türke 14 Jahre alt. Das bedeutet, er ist strafmündig. Er kommt in Untersuchungshaft, muss vor Gericht.

Nach diesem Vorfall sind Mehmets Fürsprecher rar geworden. Selbst die Grünen und die SPD plädieren für die Ausweisung des Jugendlichen. Auch Oberbürgermeister Christian Ude befürwortet sie. Die Stimmung in den Medien und in der Bevölkerung kocht. Steuergelder seien verschwendet worden mit diesem Kriminellen, schreiben aufgebrachte Münchner in den Leserbriefen an die SZ.

Doch auch die Vorwürfe gegen Uhl werden lauter. Er habe sich doch nur parteipolitisch profilieren wollen mit dem Fall, heißt es. Uhl ist inzwischen nicht mehr KVR-Chef, sondern Bundestagsabgeordneter. Es entsteht der Eindruck, der Fall Mehmet hätte Uhl dabei geholfen.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 3 nächste Seite

  1. Der "Schrecken von Neuperlach"
  2. Sie lesen jetzt Der "Schrecken von Neuperlach"
  3. Der "Schrecken von Neuperlach"
Leser empfehlen