Kaiserliche Chinoiserie in exotischer Farbenpracht: Das Bayerische Nationalmuseum zeigt die Ausstellung "Die Wittelsbacher und das Reich der Mitte".
Es hat eine Weile gedauert, bis jene Weltgegend irgendwo in den unendlichen Weiten Asiens tatsächlich im europäischen und auch bayerischen Bewusstsein als geographische, kulturelle und gesellschaftliche Realität China ankam und zweifelsfrei lokalisiert werden konnte. Dabei hatten schon die alten Römer eine Ahnung von jenem Reich jenseits der Parther, aus dem sie über das verzweigte Seidenstraßenhandelssystem eine selbst für römische Verhältnisse hochluxuriöse Ware bezogen: Seide eben.
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Im 16. Jahrhundert sammelten Fürsten und Könige dann in ihren Kunst- und Wunderkammern alles, was ihnen kostbar, seltsam und fremd vorkam, ob naturwüchsig oder menschengemacht, unter dem Oberbegriff "indianisch". Bekanntlich hatte sich Columbus aufgemacht, Indien zu entdecken, und obwohl sich bald herausstellte, dass der neue Erdteil nicht Indien war, blieb das "Indianische" als Synonym für alles mehr oder weniger Überseeische erhalten.
So fanden sich unter dieser Bezeichnung in der Kunstkammer der Wittelsbacherherzöge Wilhelm V. und Albrecht V. etwa Elfenbeinlöffel aus Afrika neben Porzellan, verzierten Nautilusschnecken und beschnitzten Rhinozeroshörnern aus China, Kultgegenstände aus dem Kongo neben Lackkästchen aus Japan, Perlmuttschachbretter aus Indien neben einer Zemi-Gottheit von den (westindischen!) Antillen und Prunkankeräxten aus Ostbrasilien.
Chinoiserie im Wandel der Zeit
Mit der in solchen Exponaten angedeuteten Kunstkammer der Wittelsbacher-Herzöge eröffnet die Ausstellung über "400 Jahre China und Bayern" im Bayerischen Nationalmuseum einen abwechslungsreichen, amüsanten Gang durch das sich wandelnde Verhältnis der Länder: Zuerst war es von unverhohlener Neugier aufs Exotische geprägt. Im 18. Jahrhundert unter Max Emanuel war es von der Begeisterung für die Mode der Chinoiserie erfüllt, jener gesamteuropäischen Begeisterung für alles Chinesische in Motiven, Form und Dekorum.
Erst später kühlte es sich mit zunehmendem Wissensaustausch und wachsender Kenntnis auch über dunkle Seiten chinesischer Machtausübung ab. Doch es blieb eine prinzipielle Faszination beim Fürstenhaus: Nicht nur wurden 1789 der Chinesische Turm und das chinesische Haus im Englischen Garten errichtet, sondern Ludwig I. kaufte 1842 die großartige Chinasammlung des italienischen Kaufmann Onorato Martucci an und Ludwig II. plante den Bau eines chinesischen Palastes nah bei Linderhof. Schließlich reiste Prinz Rupprecht 1902/03 nach China und Japan und kehrte mit bedeutenden Geschenken und Mitbringseln zurück.
Die erste Enthusiasmuswelle für China löste Nicolas Trigault aus, der als Abgesandter des Missionsoberen Nicoló Longobardi 1616 nach München zu Maximilian I. kam, um für Unterstützung der Mission zu werben. Die Jesuiten Michele Ruggieri und Matteo Ricci hatten Anfang der achtziger Jahre des 16. Jahrhunderts in China mit der Mission begonnen. Sie lernten die Sprache, kleideten sich nach Landessitte und erreichten bald die offizielle Duldung ihrer Tätigkeit und hohe Stellen am Kaiserhof in den Bereichen Astronomie und Mathematik.
Trigault erschien im Gewand eines Mandarins und erzählte vom tatsächlichen China, vom Kaiser Wanli und von seinem Hof und dessen kulturellem Glanz. Das klang natürlich viel unmittelbarer, als es die Lektüren von etwa Marco Polos Bestseller über seinen Aufenthalt in China unter Kublai Khan oder anderer Berichte über das ferne Reich bieten konnten.
Maximilian förderte die Mission, schrieb einen begeisterten Brief an Kaiser Wanli, "ein Bündnis und eine Gemeinschaft der Freundschaft und des Handelsverkehrs zu schließen", und gab Trigault Geschenke mit: Uhren, astronomische Instrumente, einen Tischautomaten in Gestalt eines Kentauren. Die Chinesen hatten großes Interesse an solchen mechanischen Kunststücken. Noch in Andersens Märchen vom Kaiser und der Nachtigall klingt dieses Faible für Spieluhren und Automaten an.
Farbenprächtiger Glanz des Chinarausches
So präsentiert der erste Raum nicht nur die großformatige, prächtige Tapisserie aus Beauvais (1720-1730) "Die Astronomen", auf der Jesuiten im chinesischen Gewand dem Kaiser umringt von stattlichen Fernrohren Himmel und Erde nach wissenschaftlichen Regeln erklären, sondern auch eine Fülle an Globen, Uhren, Sextanten, Astrolabien und anderen Messgeräten, darunter auch ein Astrolabium aus dem Palastmuseum in Peking.
Dieses Instrument wurde in den kaiserlichen Werkstätten nach den Angaben von Matteo Ricci angefertigt. Auch eine Türmchen- und eine Monstranzuhr sind Arbeiten aus der kaiserlichen Uhrmacherwerkstatt der Qing-Dynastie des 18. Jahrhunderts. Sie sind deutlich beeinflusst in Form und Dekor von den süddeutschen Vorbildern aus Augsburg und Nürnberg.
Mit Max Emanuel zieht dann der "goút chinois" nicht nur in die überwältigenden Raumschöpfungen seiner Schlösser ein. Die Chinamode überwuchert Möbel und Porzellan, ja das ganze höfische Leben. Es gibt Ausschnittbögen, mit deren chinesischen Motiven sich Tassen und Teller bekleben ließen, aber auch Holzpaneele. Schreibtische und andere Möbel zeigen Intarsien mit arkadischen Szenen chinesischen Landlebens. Es geht dabei keineswegs nur sanft und bukolisch zu: Auf acht bestickten Seidenbahnen von 1700 aus den Niederlanden sind auch brutale Folterungen zu sehen - gleich neben geselligen Bootsfahrten, Pagodenansichten und Tierdarstellungen.
Stichwerke aus süddeutschen Verlagen verbreiteten die Chinamode, Fayence- und Porzellanmanufakturen nahmen chinesische Motive auf. Doch der Unterschied zwischen einer achteckigen chinesischen Platte mit Pagodendekor in wunderbar leuchtenden Grüntönen und der Fayencekopie aus Ansbach ist eklatant. Die fränkische Nachahmung wirkt unbeholfen rührend. Eleganz und Luftigkeit der Erzeugnisse chinesischen Kunsthandwerks und die oft treuherzigen Bemühungen der europäischen Nachahmer zeigen bei allem Respekt für die hiesigen Arbeiten eine erheiternde Differenz.
Eines der wohl schönsten Exponate dieser mit dreihundert Stücken opulent ausgestatteten Schau sind jedoch fünf Bahnen einer Seidentapete, die um 1800 in Kanton oder Peking angefertigt wurde. Man fand diese Seiden 2003, seit ihrer Entstehung aufgerollt und unberührt, im alten Bestand der ehemaligen Hoftapeziererei der Münchner Residenz. Jetzt erstrahlt diese Seide in kaum vorstellbarer Farbenpracht bis in die letzte Schattierung der Kolorierung hinein. Es ergibt sich ein Panorama einer südchinesischen blumen- und tierreichen Garten- und Seenlandschaft, in der Menschen lustwandeln, sich unterhalten und sich vielfältig handwerklich betätigen. Es ist wie in einer Zeitmaschine: Hier schimmert der Glanz jenes Chinarausches wie am ersten Tag.
Die Wittelsbacher und das Reich der Mitte. 400 Jahre China und Bayern. Bayerisches Nationalmuseum München bis 26. Juli 2009. Telefon 089/ 211 24 216. Katalog Hirmer Verlag 48 Euro
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(SZ vom 26.03.2009/sus)
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