Viktualienmarkt Traum vom Weltkulturerbe

Die Münchner lieben ihren Viktualienmarkt. Ob er aber zum Weltkulturerbe taugt?

(Foto: Stephan Rumpf)

Der liebste Markt der Münchner in einer Liga mit den Pyramiden von Gizeh? Oder Schloss Neuschwanstein? Die Standlfrauen wollen den Viktualienmarkt von der Unesco als Weltkulturerbe auszeichnen lassen. Ganz so leicht dürfte das aber nicht werden.

Von Dominik Hutter und Ulrich Schäfer

Es klingt wie ein Witz, und dass die Nachricht ausgerechnet zur Faschingszeit die Runde macht, trägt erst recht dazu bei, warum manche zunächst an einen Scherz dachten. Doch die Standlfrauen des Viktualienmarkts wollen allen Ernstes, dass ihr Markt eine Auszeichnung erhält, die ansonsten eher für historische Schlösser und andere Baudenkmäler vorgesehen ist: Ihr Markt soll, wenn es nach ihnen geht, zum Weltkulturerbe ernannt werden. Einen entsprechenden Beschluss haben die Händler auf ihrer Jahreshauptversammlung gefällt - bei nur zwei Gegenstimmen.

Die Idee, der Münchner liebsten Markt in eine Liga mit den Pyramiden von Gizeh zu katapultieren, hatte Elke Fett, die Sprecherin der Standlbetreiber. Sie hat "ihren" Viktualienmarkt so liebgewonnen, dass sie seine ganz besondere Struktur unbedingt erhalten will. Eine Juristin attestierte ihr auf Nachfrage: Ganz einfach ist das nicht mit dem Weltkulturerbe - aber machbar. "Wir zetteln das jetzt an", schwärmt Fett, die nach anfänglicher Unsicherheit völlig überwältigt war von der Zustimmung ihrer Standl-Kollegen. Fett sieht den erhofften Status als eine Art Erhaltungssatzung: Dass keine Standl durch moderne Bauten ersetzt werden können, dass die Zusammensetzung der Händlerschaft bestehen bleibt und dass das Ensemble nicht schleichend zu einer Art Tollwood wird. Saniert werden dürfe der Markt ja dennoch, versichert sie. Und auch der nachträgliche Einbau einer öffentlichen Toilette werde den Kulturerbe-Status wohl nicht gefährden.

Boris Schwartz, der neue Chef der Markthallen, steht der Initiative wohlwollend gegenüber. Allerdings sei es "ein extrem langwieriger und nicht einfacher Prozess", bei der Unesco den begehrten Status zu erreichen. "Ich weiß um die hohen Hürden", antwortet Schwartz diplomatisch auf die Frage, wie er die Erfolgsaussichten einschätzt. Die hohe Qualität und das attraktive Erscheinungsbild des Viktualienmarktes seien aber völlig unstrittig.

Um Welterbe zu werden, müssen eine ganze Reihe an Kriterien erfüllt werden, im Katalog ist von einem Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft oder vom herausragenden exemplarischen Charakter des Bauwerks die Rede. Allerdings gibt es seit einigen Jahren auch den Titel des Immateriellen Erbes, zu dem Tänze, Musik und Bräuche zählen.

In der Tat prägt der Viktualienmarkt seit über zwei Jahrhunderten das Leben der Stadt. Gegründet wurdet er, als König Maximilian I. Joseph am 2. Mai 1807 entschied, den alten Münchner Stadtmarkt vom Schrannenplatz, dem heutigen Marienplatz, zu verlegen. Anfangs reichte es, dazu zwischen der Frauenstraße und der Heilig-Geist-Kirche einige Häuser wegzureißen; als der Markt später expandierte, musste auch das Heilig-Geist-Spital abgebrochen werden. Der Viktualienmarkt entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte stetig weiter, feste Verkaufsbuden entstanden. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zerstört - und beinahe wäre dies sein Ende gewesen. Hochhäuser sollten entstehen, wo bislang die Standlbetreiber das Sagen hatten. Doch die Stadt besann sich eines Besseren, baute den Markt wieder auf, unterstützt von Bürgern, die Brunnen stifteten für Liesl Karlstadt oder Karl Valentin.