Viertel-Stunde Spiel mich, lockt das Klavier

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Von der Fingerübung bis zum showreifen Auftritt - die Aktion "Play me, I'm yours" zieht ganz unterschiedliche Protagonisten an

Von CHARLOTTE SCHULZE

Die Smartphone- und Coffee-to-go-Passanten sehen es - und sind für einen Moment irritiert. Dann wandern sie weiter: zum Arbeitsplatz, zur Familie. Einige aber verlangsamen ihre Schritte auch, geben ihren Augen mehr Zeit, zu erfassen, was dort steht - auf der Terrasse des Neuperlacher Kulturzentrums, vor dem Busse mit einem Quietschen zum Stehen kommen, Rabenkrähen krächzen und Schuhe auf Schotter knirschen. Die meiste Zeit scheint es fast schüchtern an die Wand gedrängt, obwohl auf ihm die Köpfe von Amy Winehouse, Michael Jackson und Jimi Hendrix prangen. Aufgemalt von Leuten aus der Südpolstation. Doch dann gibt es Minuten, da zieht es alle Blicke auf sich, weil es Klänge von sich gibt: das Klavier.

Oft sind es Kinder, die mit dem Zeigefinger Töne hacken. Mal tief, mal hoch. Mutter oder Vater stehen zunächst daneben, berühren irgendwann auch die Tasten. Sie dürfen das. Das Klavier gehört ihnen. Es gehört allen. Zumindest bis zum 23. Juli, solange dauert das Projekt noch, das an die weltweite Kunstaktion von Luke Jerram angelehnt ist, bei der seit 2008 an vielen Plätzen der Welt Klaviere aufgestellt worden sind. Auf dem Schild neben dem Klavier steht: "Play me, I'm yours". Spiele mich, ich gehöre dir.

Diese Einladung nimmt eine Frau mit rotem Haar und Sonnenbrille gerne an. Sie setzt sich, positioniert ihre Füße auf den Pedalen, zehn Finger auf den Tasten, und legt los. "Love me tender" und "Only you" übertönen Busse, Vögel und Schuhe. Alles scheint sich im Takt der Musik zu bewegen. "Ich werde jetzt jeden Tag hierher kommen", sagt Brigitte Teichmann und wiegt ihren Oberkörper zur Musik vor und zurück. Das Klavierspielen hat sie sich als Kind selbst beigebracht, nachdem ihr die Lehrerin bei der ersten Klavierstunde die langen Fingernägel abgeschnitten hatte.

"Ich habe auch zu Hause ein Klavier. Allerdings hört mich da ja niemand spielen." Hier auf dem Hanns-Seidel-Platz hören sie alle. Die Blicke der Passanten sind jetzt andere. Sie bleiben länger am Klavier und seiner Spielerin hängen. Brigitte Teichmann lächelt. So wie die Menschen, die vorbeilaufen, sie spielen hören, manchmal für eine Weile stehen bleiben.