Viertel-Stunde Ein Dorf für die Stadt

Angekommen: Waldorf-Vorstandsfrau Anke Merk.

(Foto: Claus Schunk)

Wenn man von den Anhängern der Waldorfpädagogik etwas lernen kann, ist es kreative Begeisterung. Unter der Federführung von Anke Merk hat diese in Forstenried ein paar Spuren hinterlassen

Von Jürgen Wolfram

Wenn man von den Anhängern der Waldorfpädagogik etwas lernen kann, ist es kreative Begeisterung. Unter der Federführung von Anke Merk hat diese in Forstenried nicht nur ein paar Spuren hinterlassen, sondern stellenweise das Gesicht des Stadtviertels gravierend verändert. Seit 2009 entwickelt der Förderverein Freie Waldorfschule München Südwest auf einem 20 000-Quadratmeter-Gelände an der Ecke Drygalski-Allee/Züricher Straße seinen "Mehrgenerationenplatz Forstenried". Merk, eine ehemalige Zahnmedizin-Managerin, treibt das Projekt mit Verve voran.

Einst selbst Waldorf-Schülerin, ist sie bis heute von den Ideen des Menschenkundlers Rudolf Steiner überzeugt. "Der Leitgedanke, Kinder ganzheitlich zu erziehen, sie zu selbsttätigem, lebenslangem Lernen, zu sozialer und Entscheidungskompetenz hinzuführen, bleibt zeitlos richtig", sagt sie. Die anhaltende Popularität von Privatschulen wie derjenigen in Forstenried wundert Merk nicht. Bei vielen Eltern sei der Wunsch nach achtsamer "Erdung" ihres Nachwuchses zu spüren. Dazu gehöre beispielsweise Töpfern, Schreinern, Gärtnern - das ganze Spektrum des Handwerks. Ein nicht minder wichtiges Bildungsziel sei das "Füreinander und Miteinander von Jung und Alt". Daher ist neben einem Kinderhaus für 74 Jungen und Mädchen in Krippe und Kindergarten, einer Schule, die derzeit bis zur achten Klasse reicht, auch ein Wohntrakt mit 90 Einheiten entstanden. Geplant und errichtet in Zusammenarbeit mit der Genossenschaft Wogeno München, steht der Wohnblock für eine afrikanische Weisheit, die sich der Förderverein zu eigen gemacht hat: "Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen."

Gemeint ist ein "feines Geflecht von Synergien zwischen Bildungs- und Wohnstandort", ein "Lebensraum", der die Generationen etwa durch die gemeinsame Nutzung von Küche, Theatersaal und Werkstätten zusammenführt. Es versteht sich, dass die Architektur dieses Lebensraums sich abhebt von den gewöhnlichen Baustilen der Umgebung. Viel Holz, erdige Farben, Formenvielfalt. Wobei der "spannende Prozess", von dem Merk berichtet, längst nicht abgeschlossen sei. Im nächsten Jahr sollen das Gymnasium erweitert und eine Sporthalle errichtet werden. Das Ziel umreißt die alerte Geschäftsführerin so: "Wir wollen, dass Menschen bei uns von ihrer ersten bis zu ihrer letzten Adresse leben können."

Von seiner Umgebung fühlt sich der Förderverein nach anfänglichen Schwierigkeiten angenommen. Zur Akzeptanz trägt die Öffnung für Sportvereine, Theatergruppen oder auch Vortragsreihen bei. Dass der gediegene Waldorf-Stützpunkt auf einem ehemaligen Festplatz den gesamten Stadtbezirk aufwertet, glaubt nicht mehr nur Anke Merk. Mit ein paar Besonderheiten, sollte man hinzufügen. In welchen Bildungseinrichtungen legen die Eltern die Höhe ihres Schulgeldes schon selbst fest? Oder in welcher Schule ist Sitzenbleiben unbekannt? Waldorf-Lerninhalte weichen vom Herkömmlichen eben ein wenig ab. Merk fasst sie so zusammen: "Wir nehmen den Eltern die Sorge, dass ihre Kinder nicht heil durchs Leben kommen."