Von Bernd Kastner

In München sind 50.000 Haushalte überschuldet. Oft werden leichtfertig Kredite aufgenommen - aber auch vergeben. Vor allem von der Citibank.

Nilanthe M. hat Glück gehabt. Hätte seine Frau nicht rechtzeitig die Reißleine gezogen, säße er jetzt wohl in der Schuldenfalle. So wie unzählige andere auch, die einen Kredit aufnehmen, obwohl sie sich die Rückzahlung nicht leisten können.

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Rund 50.000 Haushalte in München sind überschuldet, fast jeder zehnte Erwachsene wird stranguliert von seinen angehäuften Miesen. Und das häufig auch, weil Banken zu leichtfertig Kredite vergeben. Tendenz steigend, stellt Klaus Hofmeister, Chef der städtischen Schuldnerberatung, fest. "Die Bonität wird immer wieder schöngerechnet oder nur oberflächlich geprüft."

"Empörend" nennt er den Fall von Nilanthe M. Es geht dabei nicht um Millionen, nur um ein paar tausend Euro, aber auch das ist viel Geld für einen, der wenig hat. M. ist seine Situation so peinlich, dass er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, und es ist seine Frau, die seine Geschichte erzählt: "Mir ist es unverständlich", sagt sie, "wie eine Bank einem Geringverdiener wie meinem Mann überhaupt einen Kredit bewilligen und ihn dann sogar aufstocken konnte." M., 32 Jahre alt, stammt aus Sri Lanka, lebt seit 2000 in München, spricht gebrochen Deutsch. Als ungelernter Arbeiter verdiente er etwa 870 Euro netto im Monat, als er vor zwei Jahren zur Citibank ging.

"Er war regelmäßig im Minus mit seinem Girokonto", erzählt seine deutsche Ehefrau. Dass ihr Mann im April 2007 einen Kreditvertrag über 3000 Euro abschloss, erfuhr sie erst zwei Jahre später. Das Geld habe er gebraucht, um am gemeinsamen Häuschen in seiner Heimat weiterzubauen.

Trotz seiner ohnehin prekären finanziellen Lage habe die Citibank nur drei Gehaltsabrechnungen und den Arbeitsvertrag sehen wollen, erinnert sich M. In 72 Raten sollte er 69 Euro monatlich abstottern - am Ende knapp 5000 Euro. Zu zahlen waren Zinsen von mehr als 1300 und eine Bearbeitungsgebühr von gut 100 Euro, macht einen effektiven Jahreszins von 12,18 Prozent. Rechne man auch die Restschuldversicherung, die sich auf 520 Euro beläuft, mit ein, steige der tatsächliche Zins auf fast 19 Prozent, sagt Hjördis Christiansen von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Skandalös und sittenwidrig

Einen Kredit bei der Citibank zu bekommen, scheint auch heute ganz einfach. Auf der Internetseite kann man ihn beantragen, das Institut wirbt mit einem Zinssatz von "3,99 Prozent" - klein davor das Wörtchen "ab". Die meisten Kunden müssen deutlich mehr bezahlen, je nach Bonität. Unter Verbraucherschützern ist die Citibank berüchtigt als eines jener Institute, das auch dann Geld verleiht, wenn es für den Kunden besser wäre, keine Schulden zu machen. "Wir wissen, dass die Citibank oft über die Stränge geschlagen hat", sagt Merten Larisch von der Verbraucherzentrale Bayern.

Bei der Citibank weist man diesen Vorwurf zurück: Es finde bei jedem Kunden eine "sorgfältige Bonitätsprüfung" statt, inklusive "ausführlicher Beratung", versichert eine Sprecherin. So sei es auch bei Herrn M. gewesen. Mit Hilfe eines "Finanzierungsberatungsbogens" habe der Bankberater ein "transparentes Kreditangebot" erstellt, die "leistbare Kreditrate ermittelt" und ein "individuelles Angebot" unterbreitet, eines mit, eines ohne Restschuldversicherung. Diese sei immer freiwillig.

Acht Monate lang zahlt M. seine Raten, dann will er nochmals 2000 Euro oben drauf haben. Auch das bewilligt die Citibank. Man vergibt aber nicht einfach ein zweites Darlehen, sondern schuldet um, heraus kommt ein neuer Kredit über knapp 5000 Euro. Es werden erneut Gebühren fällig, der effektive Jahreszins steigt auf mehr als 15 Prozent. Daran kann die Citibank-Sprecherin nichts Anstößiges finden, "das ist der Preis, den man für eine Dienstleistung zahlt." In einem Restaurant gebe man ja schließlich auch Trinkgeld.

Verbraucherschützerin Christiansen dagegen sagt, die Bank hätte M. nie einen weiteren Kredit geben dürfen, erst recht nicht als Umschuldung. Rechnet man die neue Versicherungssumme hinzu, steige der Zins auf etwa 23 Prozent. Für diese Geschäftspolitik findet die Finanzexpertin zwei Worte: "Skandalös. Sittenwidrig."

Plötzlich ist Geld da - ein tolles Gefühl

Gudrun Bünte leitet die Schuldnerberatung bei der Arbeiterwohlfahrt in München und kennt solche Verträge nur zu gut. Viele ihrer Klienten hätten sich bei der Citibank Geld geliehen. Meist eröffneten diese Kunden dann noch ein Girokonto mit Dispokredit. Schnell gerät dieses Konto unter Null, die Kreditraten werden dann mittels Dispo bezahlt, und dafür sind die Zinsen noch höher. "Das ist die größte Falle."

Die Schuldnerberaterin spricht von einem "Bildungsproblem": Viele Menschen seien unerfahren in Finanzdingen. Das Gefühl, plötzlich über Geld zu verfügen, "ist erst mal toll", und in dieser Euphorie achteten viele nicht mehr auf die Vertragsbedingungen. Unwissenheit aber schützt nicht vor dem Unglück. Bei der Citibank nennt man den Kunden einen "mündigen Bürger", der selbst entscheiden müsse, ob er einen Kreditvertrag abschließe. "Die Citibank ist ein verantwortungsbewusstes Kreditinstitut", dank 80-jähriger Erfahrung kenne man sich aus mit Verbraucherkrediten.

Nilanthe M. hat Glück, dass seine Frau Anfang 2009 von seinem heimlichen Kredit erfährt. Zu dieser Zeit ist die Situation des Mannes noch kritischer, er ist auf Kurzarbeit. Seine Frau zieht die Notbremse. Das funktioniert, weil sie als Lehrerin ein sicheres Einkommen hat, weil die Stadtsparkasse, bei der sie seit langem Kundin ist, bereit ist, ihrem Mann zu helfen, und weil die Citibank M. aus seinem Vertrag lässt. Er löst ihn ab, indem er bei der Sparkasse 5100 Euro leiht, nun zu einem Effektivzins von nur 5,64 Prozent. M. ist mit einem blauen Auge davon gekommen. Wenn alles nach Plan läuft, hat er 2013 seine Schulden zurückgezahlt. Dann werden ihn die geliehenen 5000 Euro viel gekostet haben: 8000 Euro. Wäre er bei der Citibank geblieben, hätte er knapp 9500 bezahlt.

Beratung

Bundesweit gilt jeder zehnte Erwachsene als überschuldet, in Bayern sind es laut Creditreform 360000 Haushalte. In München ist die Zahl der überschuldeten Erwachsenen zuletzt leicht zurückgegangen auf 103000, bald dürfte sie aber wieder steigen als Folge der Wirtschaftskrise. Die wirke sich erfahrungsgemäß erst mit ein, zwei Jahren Verzögerung aus, so Klaus Hofmeister, Leiter der städtischen Schuldnerberatung. Er beobachtet eine Tendenz, dass immer mehr Menschen Anschaffungen auf Pump finanzierten und rät, wirklich nur das Nötigste auf Kredit zu kaufen, eine Waschmaschine oder einen Kühlschrank etwa. Auf den Flachbildschirm sollte man vorher sparen, nicht hinterher.

In München existieren folgende Beratungsstellen für überschuldete Haushalte: Stadt München, Telefon 233-24353; Bayerisches Rotes Kreuz, Telefon 2373-343; Evangelisches Hilfswerk, Telefon 15 91 35-55, -56, -57; Arbeiterwohlfahrt/DGB, Telefon 53 27 16.

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(SZ vom 14.07.2009/dab)