Irgendwann ging er deshalb wieder nach Hause. Zunächst gab es dort keinen Ärger, weil die Eltern wohl einfach froh waren, "dass ich wieder nach Hause gekommen bin und dass mir nichts passiert ist. Aber nach zwei, drei Tagen gab es wieder denselben Stress, immer wieder." Fünf Jahre ging das so bei Fatih. Nach der ersten Vermisstenmeldung war bald klar, dass das Weglaufen in Serie geht.
Anzeige
Irgendwann hat der Jugendliche an der Tür von Thomas Gangkofner geklingelt. Der Leiter des Jugendhilfeverbunds "Just M" des Stadtjugendamtes ist es auch, der Fatihs Geschichte nacherzählt. Gangkofners Haus an der Pasinger Scapinellistraße ist die einzige Münchner Adresse, die Jungs zwischen 14 und 17 Jahren in Krisensituationen rund um die Uhr aufnimmt.
So lange, bis die weiteren Schritte oder Perspektiven geklärt sind. Das hat sich herumgesprochen, bei denen, die's betrifft. Neun Plätze bietet diese "Jugendschutzstelle". "Manchmal", sagt Gangkofner, werden die Jungs auch von der Polizei gebracht, die sie nachts aufgreift und bei denen die Eltern nicht erreichbar oder in der Lage sind, sich selbst um ihre Kinder zu kümmern.
Laut Konzeption müssten sie das Haus längstens nach vier Wochen wieder verlassen. Eigentlich. Doch die Verhältnisse, zuhause oder in begleitenden Betreuungseinrichtungen, lassen es nicht zu. Manche von den jährlich etwa 100 Jugendlichen bleiben bis zu einem halben Jahr, einige davon sind Ausreißer.
"Wir nehmen zuerst die Personalien auf, versuchen den Hintergrund zu klären, informieren sofort Eltern und Sozialbürgerhäuser und klären, ob eine weitere Fremdunterbringung überhaupt indiziert ist", sagt Gangkofner. "Viele halten den Stress daheim nicht aus und laufen deshalb weg."
Auch aus intakten Familien kommen Kinder - zumindest auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Väter und Mütter häufig als schwer belastet. Neue Partner samt neuen Kindern leben da mit einem "alten" Elternteil zusammen, Verschuldung, Arbeitslosigkeit oder schlichtweg die Unfähigkeit, miteinander zu reden, sorgen für Zündstoff. "Es wird zunehmend schwieriger, Kinder heute adäquat zu erziehen", sagt Gangkofner. "Erwachsene müssen mehrere Jobs annehmen, um sich über Wasser halten zu können, das geht von der Erziehungszeit der Eltern ab."
So kommt es, dass Väter und Mütter zwar ihre Söhne oder Töchter als vermisst melden, "aber manchmal nicht wirklich überrascht sind vom plötzlichen Verschwinden. Es gab ja schon einen unterschwelligen Konflikt."
Diese Erfahrung hat jedenfalls Kirstin Dawin gemacht. Sie ist Psychologin beim Deutschen Kinderschutzbund in München. "Mit dem Abtauchen setzten die Kinder einen Notruf ab - in der Hoffnung, dass die Mama das Signal des Weglaufens versteht." Hinter dem plötzlichen Verschwinden stehe oft eine tiefe Sehnsucht, auch noch bei älteren Jugendlichen, sagt Dawin: "Wenn ich weglaufe, werden die merken, wie lieb sie mich haben. Die Kinder wollen gesucht und gefunden werden. Egal wie alt sie sind."
Für die Psychologin und ihre Kollegen beginnt an dem Punkt auch die Arbeit mit Väter und Müttern. "Alle Eltern wollen gute Eltern sein, nur manchmal gehen ihre Ressourcen verloren über Ehekonflikten, Schulden oder Problemen im Job." Die Mitarbeiter des Kinderschutzbundes versuchen gemeinsam mit den Familien ein Netz zur Alltagsunterstützung zu knüpfen, von der Vermittlung eines Hortplatzes oder eines Termins bei der Schuldnerberatung bis zur therapeutischen Hilfe. "Wir wollen die Eltern motivieren, das Problem zu lösen."
Fatih ist inzwischen volljährig. Abgeklärt rät er inzwischen Kindern auf dem Absprung, sich an die Jugendhilfe zu wenden, "weil auf der Straße ist es echt nicht schön!" Mittlerweile hat er einen Job - und lebt nach einigen Unterbrechungen wieder bei seinen Eltern. Wie oft er polizeilich als vermisst gemeldet war, hat keiner mehr mitgezählt.
Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3
(SZ vom 24.05.2008)
Kapitalabzug aus Südeuropa
Die neueste Antwort