Von Andrea Schlaier

1600 Kinder werden in München jedes Jahr als vermisst gemeldet - die meisten tauchen nach ein paar Tagen aber wieder bei den Eltern auf.

Die Polizisten wollen alles wissen: Augenfarbe, Größe, besondere Merkmale, vielleicht eine Zahnspange oder eine Brille, was Fatih (Name geändert) angehabt hat, als er morgens mit der Schultasche über der Schulter die Tür hinter sich zuschlug.

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(© Foto: Schellnegger)

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Fatih ist 13. Erst 13, sagen seine Eltern, er ist noch ein Kind. Seit Stunden fehlt jede Spur von ihm. Von der Schule kam er nicht nach Hause, das passiert schon Mal, sagen Mutter und Vater. Fatihs Teller steht seit dem Mittagessen unberührt auf dem Küchentisch. Warten. Aus dem Fenster schauen. In immer kürzeren Abständen. Telefonhörer richtig auflegen, Handydisplay checken. Wo ist der Junge, wo bleibt das Kind? Zum Abendbrot ist er noch immer wie vom Erdboden verschluckt.

"Die Maschinerie läuft bei uns ganz schnell an, sobald ein Kind vermisst gemeldet wird", sagt Klaus Gmelch. Er leitet die Vermisstenstelle im K14 des Polizeipräsidiums München. "Bei kleinsten Anzeichen schalten wir uns sofort mit der Mordkommission oder anderen Fachdienststellen zusammen."

Das Wahrscheinliche zuerst: "Der Schulweg wird abgesucht, der kann unter Umständen eine gefährliche Geschichte sein." 600 Vermissungen, wie es im Fachjargon heißt, wurden in Gmelchs Abteilung allein in diesem Jahr angezeigt. "Im Schnitt sind es 1500 bis 1600 pro Jahr. Doch in der überwiegenden Zahl der Fälle sind die Kinder in drei Tagen oder spätestens nach einer Woche wieder daheim. "Sie sind von zuhause abgehauen oder auch mal von Heimen, in denen sie untergebracht waren."

Lars Bruhns kennt das Phänomen. Er ist Leiter der "Initiative vermisste Kinder" mit Sitz in Timmendorfer Strand, die den "Tag des vermissten Kindes" am 25. Mai heuer zusammen mit dem Weißen Ring ausrichtet. Den internationalen Gedenktag hat 1983 der damalige US-Präsident Ronald Reagan initiiert. Er sollte an den sechsjährigen Etan Patz erinnern, der am 25. Mai 1979 auf dem Weg zur Schule verschwand und seither als verschollen gilt.

In Deutschland verschwinden jährlich 40.000 Minderjährige, sagt Bruhns. "98 Prozent kehren innerhalb von 14 Tagen glücklicherweise wieder zurück." Rund 1500 Kinder und Jugendliche gelten aber dauerhaft als unauffindbar. Auf Infoscreens in U-Bahnhöfen und großflächigen Plakaten hilft die Außenwerbungs-Firma Ströer neuerdings der Initiative beim Suchen. "Das Thema erlangt dadurch Aufmerksamkeit", sagt Bruhns, "und erreicht potentielle Zeugen." Der kleinste Hinweis könnte helfen.

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