Verlierer des Schulsystems "Es stimmt einen traurig"

Geht die soziale Schere immer weiter auseinander? Eine neue Studie zur Benachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund alarmiert den Stadtrat. Die Übertrittsquoten in den Stadtviertel variieren zwischen 15 und mehr als 90 Prozent.

Von Sven Loerzer

Ein deprimierendes Bild der Zusammenhänge zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft zeichnet der "Münchner Chancenspiegel Bildung". Das umfangreiche Zahlenwerk des Bildungsreferats dokumentiert, wie sehr das staatliche Schulsystem Kinder je nach Herkunft benachteiligt. "Für Kinder aus Migranten- und Arbeiterfamilien ist dieses System zum Verzweifeln", sagte SPD-Stadtrat Constantinos Gianacacos bei der Vorstellung des Zahlenwerks im Kinder- und Jugendhilfeausschuss. Die Stadt unternehme zwar vieles, um Bildungsgerechtigkeit herzustellen, aber solange der Freistaat keine Konsequenzen ziehe, werde dies nicht gelingen.

Die soziale Herkunft, gemessen an Bildungsstand und Kaufkraft, hat entscheidenden Einfluss auf den Bildungsweg. Steigt der Index für den sozialen Status an einer Grundschule um zehn Prozent, dann erhöht das die Übertrittsquote auf das Gymnasium um sieben Prozent.

(Foto: dpa)

Jugendliche mit Migrationshintergrund sind an den Hauptschulen mit einem Anteil von 61,2 Prozent stark überrepräsentiert und an Gymnasien stark unterrepräsentiert (16,6 Prozent Anteil). Sie bleiben häufiger ohne Schulabschluss als ihrem Bevölkerungsanteil entspricht, sie studieren erheblich seltener.

Die soziale Herkunft, gemessen an Bildungsstand und Kaufkraft, hat entscheidenden Einfluss auf den Bildungsweg. Steigt der Index für den sozialen Status an einer Grundschule um zehn Prozent, dann erhöht das die Übertrittsquote auf das Gymnasium um sieben Prozent, wies das Bildungsreferat nach.

Die Übertrittsquoten variieren zudem je nach Stadtteil zwischen 15 und mehr als 90 Prozent, so Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD). Auch Kinder und Jugendliche mit Behinderung haben schlechtere Bildungschancen, nur 9,8 Prozent der Schüler mit Förderbedarf besuchten allgemeine Schulen. Ungleichheiten bestehen immer noch in der Geschlechterverteilung.

"Die Zusammenhänge stimmen einen traurig", sagte SPD-Stadträtin Birgit Volk. "Gerade männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund gehören zu den Verlierern unseres Bildungssystems." Doch mit der Förderformel für die Kindertageseinrichtungen habe die Stadt die Herausforderung angenommen, "zielorientiert zu fördern, wo die größten Bedarfe sind".

Beatrix Burkhardt (CSU) hob hervor, "wir sind uns alle einig, dass Bildungsgerechtigkeit erreicht werden muss". Jugendamtschefin Maria Kurz-Adam machte deutlich, dass die Weichenstellungen nicht erst im Alter von zehn Jahren erfolgen, sondern bereits im Vorschulalter.

Die starren Grenzen des Schulsystems müssten endlich aufgehoben werden, sagte Dagmar Henn (Linkspartei), denn sie erzeugten Diskriminierung. Elsbeth Hülsmann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband fand es "wohltuend, dass zumindest im Stadtrat fraktionsübergreifend Einigkeit herrscht in der Sichtweise der Probleme".

Das Bildungsreferat, so kündigte Peter Scheifele an, will noch vor der Sommerpause des Stadtrats ein Konzept für eine "bedarfsorientierte Budgetierung der Schulen" vorlegen. Damit soll analog zur Förderformel, die Kindertagesstätten je nach Belastungslagen mehr Geld für die Förderung der Kinder zuweist, ein Weg gefunden werden, um Benachteiligung durch individuelle Förderung aller Kinder und Jugendlichen abzubauen.