Von Gerhard Matzig

Die gewaltigen architektonischen Probleme rund um den Blech-Boulevard können nicht einfach unter die Erde gebracht werden

(SZ vom 26.06.1996) - Wenn Münchner Stadtplaner zur Hölle fahren, dann tun sie das vermutlich auf dem Mittleren Ring. Umgeben von Autoblech, Gestank, Lärm und Streit. Vor allem Streit.

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Jüngstes Beispiel: der zum 'Tunnelkrieg' eskalierte Bürgerentscheid . Am Sonntag ist es zum Finale gekommen - aber nicht zur Lösung.

Denn die Probleme rund um den 30 Kilometer langen, gewaltigen Blech-Boulevard, der wie mit der Kreissäge aus dem empfindlichen Stadtgrundriß geschnitten wurde, sind selbst viel zu gewaltig, als daß sie mit drei Röhren unter die Erde gebracht werden könnten.

Entscheidender wäre: Endlich einmal die hochkomplexen städtebaulichen und architektonischen Fragen, die sich links wie rechts vom Ring zu fast schon nicht mehr zu bewältigenden Problembergen aufgeworfen haben, anzugehen.

In München hat bisher kein anderes städtebauliches Gezänk für derartige Emotionen gesorgt. Regelmäßig 'im Ring': Tunnelbefürworter und Tunnelgegner, Kindergartenverfechter, Automobilverächter, Stadtästheten, Kassenwarte.

Poeten und Pragmatiker

Eher selten zu sehen: Leidtragende, Verantwortliche, Experten. Dabei scheint der Ring Poeten wie Pragmatiker gleichermaßen herauszufordern.

Vor genau zehn Jahren hat der Autor René Kraft in einer alptraumhaften Ring-Wanderung sogar die dafür notwendigen Schritte gezählt: 44.615 waren es.

Oder der Aktionskünstler Martin Schmidt. Der hat im Oktober 1994 einen Schrebergarten mit Gartenhaus und Jägerzaun errichtet - mitten auf dem Effnerplatz.

Michael Miritzsch hat erst letztes Jahr 20 weiße Holzkühe, jede vierzig Kilo schwer, querbeet am Ring verteilt. Als 'Mahnmal gegen die tägliche Blechlawine'.

Faule Eier gegen das Chaos

Auch Parteien fühlten sich schon zur Kunstaktion berufen. Mitunter allerdings mit zweifelhaftem Ausgang. So wie die 'Freien Wähler', die hier schon vor Jahren mit riesenhaften 'faulen Eiern' gegen das Verkehrschaos anstinken wollten.

Das muß auch das Motiv jenes CSU-Referenten gewesen sein, der vor fünf Jahren den Mittleren Ring zum längsten Parkstreifen der Welt befördern wollte.

Anders Rot-Grün: Diese Parteigänger wollten den gesamten Bereich innerhalb des Rings zum gigantischen Parkhaus für Anwohner anwachsen lassen.

Selbst die SPD hat sich hier schon hervorgetan: mit der Vorstellung einer 'Münchner Meile der Architektur', mit gläsernen Pyramiden und sich in den Himmel schraubenden Bürotürmen.

Im Kanon dieser oft grotesken - aber dafür meist lautstark vorgebrachten - Vorschläge mußten die wirklich bedenkenswerten Ideen und anregenden Visionen der Fachleute naturgemäß untergehen.

Die stadträumlich-künstlerische Initiative 'Kunstbogen' des Bildhauers Johannes Leismüller liegt beispielsweise schon seit zehn Jahren in den Amtsschubladen.

Plädoyer für punktuelle Eingriffe

Ein anderes Beispiel: die Verbesserungsvorschläge, die der Architekt Jörg Gribl den Münchnern schon vor viereinhalb Jahren ans weltstädtische Herz gelegt hat. Er plädiert für maßgeschneiderte, punktuelle und damit auch für kostengünstige Eingriffe: 'Die Diskussion um den Ringausbau darf nicht nur auf die Tunnelfrage beschränkt werden.'

Aber auch seine umsichtigen Konzepte, wie zum Beispiel die 'bewohnbaren Schallschutz-Architekturen' für den Münchner Osten, verstauben in Planarchiven. Lange Zeit hatte der Architekt seine Plangutachten griffbereit - 'zuhause, an der Wand'. Inzwischen hat er alles wieder abgehängt.

Im Sommer 1992 hat sich auch der Landschaftsarchitekt Gottfried Hansjakob mit der Vision eines mit Alleen und Plätzen versehenen 'Prachtgürtels' zu Wort gemeldet. Ungehört.

Schließlich: die Architekturstudenten der TU. Angeregt von Uwe Kiessler haben sich im Frühjahr vor drei Jahren an die 80 Diplomanden um die öde Straßenschneise gekümmert. Mit Witz, Phantasie und teilweise sogar mit tatsächlich in die stadträumliche Zukunft weisenden Gestaltungsvorschlägen. Ergebnis: nur eine Ausstellung im Planungsreferat.

Dabei haben einzelne Architekten in den letzten Jahren immer wieder einmal bewiesen, daß mit klugen architektonischen und stadträumlichen Maßnahmen sogar dem Mittleren Ring beizukommen wäre.

Zum Beispiel der auch energetisch intelligente und vor Lärm und Abgasen schützende Wohnbau der Architekten Christian Raupach und Günther F. Schurk in Sendling. Ihre 'Immissionsschutzwand' schützt - und ist dennoch transparent und einladend gestaltet.

Oder das jüngste und bislang noch viel zu wenig diskutierte Beispiel: die weit über den Petuelring hinaus auf sich aufmerksam machende, leuchtend blau eingefaßte und dabei filigran und schlicht gestaltete Glasfront der 'Stiftung Pfennigparade' (Architekten: Reichert, Pranschke, Maluche).

Andere Optik aber gleichfalls bewährt: die von den Architekten Bernd Obersteiner und Herbert Kochta errichtete Zentralverwaltung der Stadtsparkasse an der Schenkendorfstraße.

Die Stadt verharrt

Vor Schall und Abgasen schützende Architekturen, großzügige Grünplanungen und Platzgestaltungen, zwischen den Ringseiten vermittelnde Brücken und Stege, Verkehrsplanungen und Stadtraum-Kunst - die Verantwortlichen und Experten wären schon seit Jahren dazu aufgefordert, das Arbeiten und Leben am Ring zu gestalten, erträglich zu machen, zu verbessern.

Was tut die Stadt? Wie ein Karnickel vor der Blechschlange verharren. Und demnächst: den Kopf in den Tunnel stecken.

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