Von Alfred Dürr

Interview mit Christiane Thalgott, Münchner Stadtbaurätin

(SZ vom 31.01.1999) - München erstickt am Verkehr. Die Stadtplanung muß die Autoströme bewältigen, ohne dabei die Mobilität einzuschränken. Christiane Thalgott (53), parteilos, ist seit vier Jahren Stadtbaurätin in München. Zuvor plante sie in Kassel als Stadtbaurätin den Verkehr. Als sie schon längst in München war, verlor die Kasseler SPD ihre Rathausmehrheit wegen einer Verkehrsberuhigungspolitik mit den berühmten weiß-roten 'Lollies', die Straßen am Eingang von Tempo-30-Zonen verschmälerten. Die SZ befragte die Stadtbaurätin zum Tunnel-Thema.

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SZ: Was haben Sie aus Kassel gelernt?

Thalgott: Daß Verkehrspolitik sehr viel mit Emotionen zu tun hat. Diese Lollies waren eine Auflage des Regierungpräsidenten für die Tempo-30-Zonen. Das wird jetzt mir in die Schuhe geschoben. Viele Lollies stehen heute immer noch.

SZ: Zurück nach München. Angenommen, Sie stecken mit Ihrem Dienstwagen auf dem Mittleren Ring im Stau und der Ärger kocht in Ihnen hoch. . .

Thalgott: . . . also, ich habe überhaupt keinen Dienstwagen, sondern fahre mit dem öffentlichen Nahverkehr, dem Fahrrad, benutze auch meine Füße. Wenn ich mit dem eigenen Auto unterwegs sein muß oder mit dem Taxi. . .

SZ: . . . dann geht Ihnen der Stau aber auch ganz gehörig auf die Nerven.

Thalgott: Natürlich, aber der Stau ist nun mal das Produkt der vielfältigen Aktivitäten in der Stadt. Innerhalb des Mittleren Rings, im Radius von vier Kilometern, leben zwei Fünftel der Einwohner und sind zwei Fünftel der Arbeitsplätze. Da ist zwangsläufig auf den Straßen viel los. Irgendwann geht dann gar nichts mehr.

SZ: Tunnel am Mittleren Ring schaffen Erleichterungen. . .

Thalgott: . . . aber eben nur an einer einzigen Stelle. Das Grundproblem, daß wir zuviel Verkehr haben, lösen sie nicht.

SZ: Wie sind die Erfahrungen beim Brudermühl- und beim Trappentreutunnel, die in den achtziger Jahren fertig wurden?

Thalgott: Im jeweiligen Tunnel läuft der Verkehr meistens flüssig. Aber dann steht man halt an der nächsten Stelle schon wieder im Stau, weil der Ring längst an der Belastungsgrenze angekommen ist. Die Verbesserung an einem einzigen Stück hat zur Folge, daß auf den zuführenden Straßen mehr Autos fahren als vor der Tunnel-Zeit.

Beim Trappentreutunnel sind es 208 Prozent mehr. Bei der Landshuter Allee sind es 245 Prozent mehr. Das wahrhaft Erschütternde ist, daß heute direkt auf dem Tunneldeckel genausoviel Autos fahren, wie vor dem Bau des Tunnels.

SZ: Welche Lösungen bieten Sie an?

Thalgott: Schon 1986 hat man über Lärmschutzwände nachgedacht. Die sind wirkungsvoll für die Anwohner. Dann kann man Häuser so zwischen Gebäudezeilen stellen, daß sie als Lärmschutz dienen.

Dafür gibt es inzwischen viele sehr schöne Beispiele am Mittleren Ring. Bei Wohnhäusern kann man auch den Grundriß ändern; Nebenräume zur Straße und die Wohn- und Schlafräume nach innen.

SZ: Warum ist bisher im Bereich des Lärmschutzes so wenig geschehen?

Thalgott: Die Beschränkung auf die Tunnel-Lösung hat andere Vorschläge lahmgelegt. Die direkt Betroffenen wollen den Tunnel und sehen andere bauliche Lösungen als weniger attraktiv. Dabei sind diese gegebenenfalls sogar wirkungsvoller.

SZ: Wie wollen Sie den Mittleren Ring leistungsfähig halten?

Thalgott: Wir brauchen den Schutz der Anwohner vor Belastungen, das ist unbestritten. Richtig ist auch, daß wir einen leistungsfähigen Ring brauchen, vor allem für den Wirtschaftsverkehr. Nötig ist ein Bündel von Maßnahmen: Parkraum-Bewirtschaftung, eigene Lieferspuren und so weiter.

Wir brauchen einen attraktiven öffentlichen Nahverkehr als Alternative zum Auto. Teure Tunnelbauwerke jedenfalls sind kein Allheilmittel, das zeigen alle unsere Untersuchungen. Die Nachteile überwiegen eindeutig die Vorteile.

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