Vereinte Nationen Von München aus gegen den Welthunger

Seine Projektideen hat das Welternährungsprogramm am Montag im Literaturhaus präsentiert, sein neues Büro liegt an der Buttermelcherstraße.

(Foto: Catherina Hess)
  • In München hat das UN-Welternährungsprogramm (WFP) am Montag ein Innovationszentrum eröffnet.
  • Zusammen mit digitalen Gründern und Start-Up-Unternehmen sollen dort innovative Lösungen entwickelt werden, um den Hunger in vielen Teilen der Welt effektiver bekämpfen zu können.
Von Martina Scherf

In ihrem Kampf gegen den Hunger in der Welt wollen die Vereinten Nationen (UN) neue Wege gehen - und München soll dabei eine zentrale Rolle spielen. In der Landeshauptstadt eröffnete das UN-Welternährungsprogramm (WFP) am Montag ein Innovationszentrum. Es soll technologische Ideen fördern, die den globalen Hunger bekämpfen helfen.

"Wir können eine Welt ohne Hunger bis zum Jahr 2030 erreichen", sagte WFP-Direktorin Ertharin Cousin, "wir müssen dazu aber neue Ideen sammeln und dürfen nicht einfach weitermachen wie bisher." In der Nahrungsmittelhilfe sei ein Strategiewechsel nötig. Digitale Technik biete Chancen für die sogenannte Dritte Welt, die noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wären.

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"Share the Meal" ist so ein Beispiel: Wer diese App auf seinem Handy hat, kann mit einem Klick eine Mahlzeit quasi teilen und mit nur 40 Cent am Tag ein Kind ernähren. Der Spender erfährt zudem, wofür sein Geld eingesetzt wird. Die App, vor einem Jahr von zwei Berliner Unternehmensberatern entwickelt, ist ein Riesenerfolg; mehr als eine halbe Million Nutzer haben sie allein auf dem deutschsprachigen Markt heruntergeladen und insgesamt schon mehr als 6,5 Millionen Mahlzeiten geteilt.

Mittlerweile gibt es die App in neun Sprachen, sie ermöglicht Spenden in 27 Währungen, den weitaus größten Anteil unter den Spendern haben die Deutschen. Ein Großteil des Gelds geht zurzeit nach Syrien und in die Flüchtlingslager der Nachbarländer, wo Schulkinder ein Mittagessen und ihre Mütter Lebensmittelgutscheine erhalten.

München unter zehn Standorten weltweit ausgewählt

Viele Beispiele dieser Art wurden am Montag bei einer Messe im Literaturhaus präsentiert. Mehr als 200 Ideen aus aller Welt haben Mitarbeiter des Welternährungsprogramms im vergangenen Jahr gesammelt. Sie sollen nun von München aus weiterentwickelt und dann in Krisengebieten getestet werden. Davon profitierten Kleinbauern in Guatemala ebenso wie Start-ups in Bayern, sagt "Share-the- Meal"-Erfinder Bernhard Kowatsch.

Er leitet künftig das WFP-Büro an der Buttermelcherstraße im Gärtnerplatzviertel, wo 20 Mitarbeiter Platz finden werden. 70 Prozent der Menschen in Afrika hätten ein Handy, in Asien seien es 90 Prozent, sagt Kowatsch. Das sei ein Riesenpotenzial, um schnell und einfach Informationen über Wetter und lokale Marktpreise oder andere wichtige Tipps zu verbreiten.

München sei unter zehn möglichen Standorten weltweit für das Innovationszentrum ausgewählt worden, weil sich die Staatsregierung stark dafür eingesetzt habe und weil es hier ein vielversprechendes wirtschaftliches, akademisches und kreatives Umfeld gebe, sagte WFP-Chefin Cousin. Sie schloss am Montag ein Abkommen mit der in München ansässigen Acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, die Wirtschaft und Forschung zusammenbringt und die Politik berät.

App soll Mangelernährung vorbeugen

Auch diverse Vertreter großer Firmen informierten sich am Montag über die vom WFP präsentierten Projekte. Zahlreiche Start-ups entwickeln bereits weitere Ideen. Münchner Studenten haben etwa im kolumbianischen Bogotà eine App namens "Nutri-Fami" programmiert, die helfen soll, Ernährungsgewohnheiten zu verbessern und so Mangelernährung vorzubeugen. Die beiden Münchner Universitäten unterhalten ein gemeinsames "Center for Digital Technology & Management", das auch weitere Ideen entwickeln könnte.

Die Arbeit des WFP-Innovationszentrums, offiziell "Innovation Accelerator" genannt, unterstützen die bayerische Staats- und die Bundesregierung gemeinsam mit 25 Millionen Euro für fünf Jahre. "Eine Welt ohne Hunger ist möglich, und zwar schon jetzt", betonte Bundesentwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU).

Jeder könne dazu beitragen, "dass nicht jeden Tag 8000 Kinder auf unserem Planeten verhungern". Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) ergänzte: "Noch nie waren so viele Menschen auf der Flucht, und der Bedarf an humanitärer Hilfe wird in den nächsten Jahren noch wachsen." Naturkatastrophen seien dabei einer der Hauptfluchtursachen. "Niemand bleibt in einem Land, in der er keine Zukunft für seine Kinder sieht", sagte WFP-Chefin Cousin. Den Hunger zu bekämpfen, bedeute deshalb, mehr Stabilität in die Welt zu bringen und Fluchtursachen zu mindern.

"Wir müssen allen Kindern eine Chance geben"

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