Urteil: NS-Kriegsverbrecherprozess Ein geachteter Bürger

Scheungraber war jahrzehntelang ein geachteter Bürger der oberbayerischen Gemeinde Ottobrunn. Der frühere Inhaber einer Schreinerei mit mehreren Angestellten hat zwanzig Jahre lang dem Gemeinderat angehört, ist Träger der Bürgermedaille und Ehrenkommandant der Freiwilligen Feuerwehr. Dass er regelmäßig an Treffen alter Kameraden teilnimmt, dass er sich vor einem früheren Mitarbeiter mit seinen Kriegserlebnissen gebrüstet haben soll, macht ihn vielen nicht sympathisch. Ein Beweis für seine Schuld ist es nicht.

Von denen, die aus Scheungrabers Kompanie noch am Leben sind, hat ihn keiner den Befehl für das Massaker geben hören. Ob die Zeugen als damals Beteiligte die Wahrheit gesagt haben, wie gut ihr Erinnerungsvermögen nach mehr als sechs Jahrzehnten noch ist, vermag wohl niemand zu beurteilen.

Umso mehr berührte die Schilderung des einzigen Überlebenden des damals gesprengten Hauses, doch zur Frage der Schuld des Angeklagten konnte der damals 16 Jahre alte Zeuge nichts sagen.

Erschüttert hörte man die Erinnerungen von Angehörigen der Opfer, die deren Anwältin vorlas. Es wurde sehr anschaulich, wie grauenhaft das Verbrechen war und wie es bis in die heutige Zeit fortwirkt.

Ein Militärgericht im italienischen La Spezia war sich der Schuld Scheungrabers sicher. Es verurteilte ihn im September 2006 in Abwesenheit wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Die Strafe musste der Rentner nicht antreten, weil die Justiz den deutschen Staatsbürger nicht auslieferte.

Doch die Münchner Staatsanwaltschaft leitete eigene Ermittlungen ein, erhob im Januar 2008 eine Mordanklage, von deren Richtigkeit sie nach der Beweisaufnahme überzeugt ist. Ihr Antrag lautet auf lebenslange Haft. Die Verteidigung hatte Freispruch gefordert. Der Richter folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft.

Scheungraber wendet sich nach dem Urteil ab und verlässt den Gerichtssaal aus einem Nebenausgang in Richtung Tiefgarage. Die Hinterbliebenen der Opfer gehen durch den Hauptausgang. Dort werden sie von Demonstranten empfangen, die Plakate hochhalten, auf denen die Namen der Opfer von Cortona geschrieben sind.