Mein erstes Mal: Yoga. Ein Selbstversuch auf einer der schönsten Dachterrassen Münchens.
Yoga ist gut. Für den Menschen. Für seinen Körper. Für seinen Kopf. Aber Yoga ist auch Stress. Vor allem für Anfänger, deren Wirbelsäule gelenkig ist wie ein Besenstiel. Deshalb habe ich bislang diese ruhigen-meditativen Stunden gemieden. Aber dann dann konnte ich doch nicht Nein sagen. Schließlich findet die Urban Yoga Session auf einer der schönsten Dachterrassen in München statt. Der Getränke-Hersteller Carpe Diem hat diese Sommer-Yoga-Serie in sechs deutschen Städten ins Leben gerufen, so dass sich Yoga-Begeisterte sich einmal pro Woche auf Dächern von Luxushotels treffen können. Münchner müssen mit 20 Euro am meisten für den Abend zahlen. Dafür erhalten sie aber Zutritt zur Dachterrasse des Mandarin Oriental Hotel.
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Und in der Tat ist die Sicht ganz etwas ganz Besonderes: Im siebten Stock des Hotels surft das Auge über das Dächer-Profil Münchens, sieht Rathaus-Turm, Frauenkirche, Alter Peter und da, der Friedensengel, der lugt natürlich auch noch goldig hervor. Aber halb sieben geht es los. Der Boden ist schon mit lila Gummi-Matten gepolstert, Sonnenschirme werfen Schatten, im Pool plantschen Kinder. Damit der Alltag aus dem Bewusstsein verschwindet, die erste Atemübung, am Boden liegend. Patrick Broome, promovierter Psychologe und ärztlich geprüfter Yoga-Lehrer, erklärt: "Holt die Luft in euren Bauch durch die Nase, atmet sie durch den Mund hörbar wieder aus, so als ob ihr eure Brille putzen wollt! Spürt die Muskeln, die ihr dafür braucht und spannt sie an. Dabei weiteratmen. Ein und aus!" Welche Muskeln meint er? Ich spüre sie nicht. Noch einmal. Luft rein. Luft raus. Luft rein.
Hinter mir plantschen Kinder im Pool. Eins der größeren ermahnt die Kleinen. Psst. Es hat schon kapiert, um was es hier oben geht. Ruhe. Stille. Ankunft. "Jetzt fühlt ihr, wie tief der Atem in euch strömt", sagt Patrick. Aber der Laie ist beschäftigt, er versucht noch mit angezogenen Muskeln zu atmen. Es folgt die Order: "Steht bitte auf. Beine hüftbreit öffnen, Arme vor der Brust zusammendrücken, Ellenbogen in die Höh'. Einatmen, mit Ohhhhm ausatmen." Alter Hut für die Profis, ein langes, sehr langes Ohhhhhm summt durch die Luft. Puh, haben die einen langen Atem, staunt der Anfänger.
Danach kommt die Stuhl-Übung: Beine anwinkeln, als wolle man sich auf einen Stuhl setzen, kurz vorher - Stopp, diese Stellung halten. Hände wieder vor die Brust, dann Arme über vorn nach oben, seitlich wieder zurück in die Ausgangsposition. Mit dieser Übung wird erstmals Bewegung und Atmung koordiniert. Arme hoch, Atem raus, Arme runter, Atem rein. Oder umgekehrt? Luft anhalten, zur Nachbarin rüberschielen, wie sie es macht. "Haltet auf keinen Fall die Luft an, immer weiter atmen, Bewegung folgt bald automatisch", sagt Patrick. Schnell wieder Luft einsaugen, raus lassen, dazu Arme rauf und runter. Stress. "Das kann doch nicht so schwer sein", motzt die innere Stimme. Die hat gut reden.
Die Übungen werden anspruchvoller: Hände zu den Zehen, dann weiter weg patschen, so dass sich der Rücken wölbt - der Yogi sagt Hund dazu, dann wie ein Brett auf den Boden kommen, im Liegestütz wieder nach oben pressen, in den Hund zurück. Alles in einem Atemzug. Klar doch.
Derweil fragen sich Kinder gegenseitig auf französisch: "Qu'est que c'est?" Wartet es nur ab! Gleich machen wir euch die Brücke, dann den Pflug. Da werdet ihr erst staunen. Die Brücke geht wie der Hund nur andersherum, denn der Bauch spannt sich himmelwärts während der Körper auf Zehenspitzen und Hände Halt sucht. Beim Pflug wird es noch gefährlicher: Im Liegen gehen die Füße hinter den Kopf. "Wer will, kann sie neben den Ohren abstellen", sagt Patrick. Ja, ich will. Aber die Atmerei ist mir da schon längst schnuppe. Die Übungen will ich durchstehen und dem Schweinehund in mir drin eins auswischen.
Die Kinder sind in der Tat beeindruckt: "Oh, ist die Frau beweglich!" Sie meinen den Super-Yogi vor mir. Diese Frau ist tatsächlich biegsam wie heißer Stahl. Dagegen bin ich eine rohe Makkaroni, die man unbedingt um die Gabel wickeln will. Aber zum Glück folgt nun die Entspannungsphase. Während die Gruppe am Boden liegt, streiten die Kinder, nun auf englisch: I kill you, brüllt das eine. I hate you, kontert das andere. Wir sind aber festentschlossen und entspannen trotzdem. Fremde Hände verstreichen nun in meinem Nacken etwas Mentholartiges. Es prickelt kühl, der Abendwind weht leicht darüber. Wir setzen uns der Sonne entgegen. Wir sollen die Augen schließen. Aber ich blinzele heimlich, denn die Aussicht ist zu verführerisch. Dann ist Schluss. Ich klatsche. Wie peinlich. Die andere drehen sich um, Patrick klatscht höflich zurück. Es müssen die Glückshormone sein, die in eineinhalb Stunden vollkommen weichgespült worden sind.
(sueddeutsche.de)
Kapitalabzug aus Südeuropa
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