In Abidjan an der Elfenbeinküste ist das Rad ein Symbol für Armut - hier an der Isar steht es für eine Lebenseinstellung.
Unser Autor stammt aus Abidjan, der mit 3,7 Millionen Einwohnern größten Stadt der Elfenbeinküste in Westafrika; dort ist er Kulturchef der oppositionellen Tageszeitung "Le Patriote". Er ist Teilnehmer des Journalisten-Austauschprogramms "Nahaufnahme", veranstaltet vom Goethe-Institut, und arbeitet für vier Wochen in der SZ-Lokalredaktion.
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Radlschwemme: Yacouba Sangaré findet, daß es in München viele Fahrräder gibt. (© Foto: Alessandra Schellnegger)
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Während sich in München ganze Bevölkerungsschichten regelmäßig aufs Fahrrad schwingen, ist es für viele Menschen in meiner Heimatstadt Abidjan schlicht ein Spielzeug für die Kinder. Die meisten Familien legen sich ein Rad nur aus einem Grund zu: um ihren Nachwuchs glücklich zu machen, um ihn in den Parks herumstrampeln zu lassen. An dieser Stelle endet für die Menschen in Abidjan auch schon das Interesse an den zwei Rädern.
Denn für die meisten ist das Radeln auf öffentlichen Straßen viel zu riskant. Schlimmer noch, es ist lebensgefährlich. Zum einen gibt es keinerlei Radwege. Wer Fahrrad fahren will, muss entweder über die Bürgersteige rollen, was den Fußgängern verständlicherweise überhaupt nicht gefällt, oder sich auf den Straßen mit den Autofahrern um den kostbaren Platz streiten. Viele Autofahrer in Abidjan verehren die Geschwindigkeit. Sobald sie in ihre Wagen steigen, verwandeln sie sich in wahre Formel-1-Rennfahrer. Problemlos schaffen sie es, mit mehr als 100 Kilometern pro Stunde durch die Stadt zu rasen. In dieser Umgebung Fahrrad zu fahren, wäre schlicht selbstmörderisch.
Es gibt aber auch noch einen sozialen Grund für die fehlende Liebe zum Zweirad: Die Menschen in Abidjan ziehen das Auto vor, weil es ein Symbol für den sozialen Aufstieg ist. Das Fahrrad steht in ihren Augen für die Armut. Deshalb sieht man kaum Radler auf den Straßen von Abidjan. Allenfalls einige Sportler am Wochenende. Das Fahrrad ist das Verkehrsmittel, das die Menschen in meiner Heimat am wenigsten schätzen. Was für ein Unterschied zu München.
In München gibt es nicht nur schöne Gebäude und gut angelegte Straßen. Die Stadt bietet auch ein ungewöhnliches und schillerndes Schauspiel von Radfahrern, die die großen Arterien der Stadt vermessen. Mehr als ein einfaches Fortbewegungsmittel ist das Fahrrad eine Lebenseinstellung.
Jeden Morgen schwingen sich die Münchner auf ihre zwei Räder, und los geht's durch die Stadt. Ohne Druck, ohne Stress. Überall in der Stadt wimmelt es von diesen Geräten. Am Rotkreuzplatz zum Beispiel thronen gewissenhaft abgesperrte Fahrräder. Eines davon gehört Sandra Voss, Studentin, die hergekommen ist, um Bananen und Orangen zu kaufen. "Ich benutze das Fahrrad, weil es praktisch ist. Man ist schnell und Herr seiner Zeit", sagt sie, ein Lächeln im Mundwinkel.
Oder der Marienplatz, im Herzen Münchens. Die Kaufingerstraße ist offiziell Fußgängerzone. Trotzdem wagen sich einige Münchner dort mit ihren Gefährten hin. Andere bevorzugen es, ihre Räder stillzulegen, um ihre Einkäufe zu Fuß zu machen. So ist es bei Manfred: "Ich bin mit dem Fahrrad gekommen, weil ich nur zehn Minuten oder weniger brauche, um zu mir nach Hause zu kommen. Mit der U-Bahn, wenn man die Wartezeit hinzuzählt, bräuchte ich mindestens fünfzehn Minuten."
Soger der Oberbürgermeister fährt Radl
Sogar der Oberbürgermeister der Stadt fährt Fahrrad. Es sind Tausende Menschen, die sich auf den Gefährten mit zwei Rädern fortbewegen, vom einfachen Bürger bis zur Führungsriege der Stadtverwaltung. Selbst Geschäftsmänner in Anzug und Krawatte radeln morgens durch die Stadt ins Büro.
Deswegen ist das Leben für die Fahrradfahrer in München aber noch lange nicht immer rosig. "Natürlich hat das Fahrrad Nachteile", gesteht ein überzeugter Radler. "Wenn es regnet, ist es schwierig, auch wenn man große Dinge zu transportieren hat." Dazu kommen die Pflichten der Wartung - und vor allem die Diebstähle. Es gibt Gelegenheitsdiebe, erzählt man mir, die ein Rad nur kurz entwenden und es anschließend wieder abstellen.
Es gibt aber auch Diebe, die zu gut organisierten Gruppen gehören. Sie kommen mit Zangen, laden die Räder in kleine Busse und nehmen sie mit. Etwa 6000 Fahrräder werden pro Jahr in München gestohlen. Das sind 16,8 Fahrräder pro Tag! Eine enorme Zahl. Die Diebe können ihre Beute für gutes Geld verkaufen. Selbst die Polizei versteigert regelmäßig die Räder, die sie bei Dieben beschlagnahmt hat und deren Besitzer unbekannt sind.
"Die Fahrräder hier, das ist verrückt", wundert sich Françoise Husson, eine Touristin aus Frankreich, "es gibt so viele Fahrradfahrer in den Straßen. So etwas habe ich noch nie gesehen." Mir geht es ganz ähnlich.
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(SZ vom 28.10.2008/wib)
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Nicht nur am Rotkreuzplatz, lieber Yacouba - an nahezu jedem Radständer an einer U- oder S-Bahn-Station findet man Massen von gewissenhaft abgesperrten Fahrrädern, die teilweise seit mehreren Jahren da stehen. Das sind so genannte Wegwerf-Fahrräder - ein Produkt unserer Wohlstandsgesellschaft, das es dem normalen Radler schwer macht, sein Rad ebenso gewissenhaft abzusperren, damit es nicht geklaut wird.
Aber vielleicht sollten wir vom Autor lernen, die Vorteile unserer Stadt und unseres Landes mehr zu schätzen und uns über derartige Kleinigkeiten nicht aufzuregen...