Neues Stellwerk in München-Pasing Organisiertes S-Bahn-Chaos

Die Nervosität war groß: Die Umstellung auf das neue Stellwerk in Pasing war eine der größten logistischen Herausforderungen, die die Bahn in München je leisten musste. Die Verantwortlichen atmen auf, dass alles so reibungslos funktioniert hat. Einige Betroffene sehen das jedoch anders. Und die Einschränkungen im Reiseverkehr sind noch nicht vorbei.

Eine Reportage von Katja Riedel

Der Bahnsprecher klingt erleichtert: "Alles im Plan", sagt er am Sonntagmittag. Geplante Umstände also, keine zusätzlichen Schwierigkeiten. Seit Freitagabend werden in und um Pasing aus fünf mechanischen ein großes elektronisches Stellwerk, der Bahnhof ist fast vollständig gesperrt. Für die Fahrgäste, die von München aus gen Westen reisen wollen oder umgekehrt, bedeutet das große Einschränkungen: Im S-Bahn, im Fern- und Regionalverkehr, und das noch bis Dienstagmorgen, vier Uhr.

Das organisierte Chaos

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Der Stillstand beginnt am Freitagabend sehr plötzlich. Die S 3 nach Holzkirchen ist die letzte, die der Fahrdienstleiter im gelben Turm an Gleis 4/5 in den Bahnhof einfahren lässt. Um 21.53 ist Schluss: für die Menschen, die die Weichen und Signale per Drucktasten steuern. Drei Räume voller Schaltschränke sollen die Handarbeit ersetzen. Der Umbau sei die größte logistische Herausforderung, die es für die Bahn je in München gegeben hat, betont Bahn-Manager Heiko Hamann noch vor Beginn der Umstellung. Entstanden ist eines der größten elektronischen Stellwerke in Deutschland.

Noch in der Nacht werden mehr als 400 neue Signale aufgebaut, geschaltet, geprüft. Damit die Fahrgäste trotz der Sperrung des Knotenpunktes Pasing reisen können, hat die Bahn 160 Ersatzbusse im Einsatz. Die Reise mit ihnen dauert zwar meist doppelt so lang wie die S-Bahn-Fahrt, die Busse fahren die Haltestellen aber zuverlässig an, keiner muss länger als zehn Minuten warten.

Frank Hole, Marketingleiter der S-Bahn, testet in diesen Tagen immer wieder den Schienenersatzverkehr (SEV). Er sitzt am Freitagabend um 22.20 Uhr auch im ersten SEV-Bus, der von Pasing aus zur Drehscheibe am Zentralen Omnibusbahnhof fährt. "Gemischt", lautet sein erstes Fazit, es müsse eben alles erst anlaufen. 18 Stunden später ist er entspannter: Jetzt habe sich alles sortiert, sagt er und lacht.

Nicht jeder Fahrgast sieht das so, nicht am Freitagabend und nicht am Samstagnachmittag, 17.15 Uhr. "Hier hilft Dir als Fremdem keiner", sagt ein Geschäftsreisender aus Hamburg, der von seinem Pasinger Hotel zum Hauptbahnhof muss. Einer der 80 Servicemänner und -frauen, die in orangenen Westen an Wegkreuzungen und an Haltestellen postiert sind, zeigt sich sehr schweigsam, als der Mann ihn um Hilfe bittet. "Sie sprechen Deutsch?", fragt der Reisende, so ärgerlich wie hilflos.

Dabei könnte der Helfer dem Reisenden zu diesem Zeitpunkt längst Positives berichten: Denn aus der Innenstadt fahren seit Samstag, 16.15 Uhr wieder die S8 und die S3 in den Pasinger Bahnhof ein, wenden dort und fahren zurück, durch die Innenstadt.

Bauphase eins ist erfolgreich abgeschlossen, die Bahn hat am Nachmittag Teile des Stellwerkes vom Hersteller Siemens abgenommen. Das ist jedoch auch am Hauptbahnhof noch nicht angekommen. Dort werden die Fahrgäste beider Linien noch gegen 17.45 Uhr aufgefordert, an der Hackerbrücke, nicht erst in Pasing, auf Busse umzusteigen. Ein kleines bisschen chaotisch geht es also auch im organisierten S-Bahn-Chaos zu.

Viel ruhiger als üblich ist es allerdings in der Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz. Dort ist deutlich weniger los als an normalen Feriensamstagen - wohl auch, weil die Münchner Fußgängerzone in Deutschland diejenige ist, die die meisten Einkäufer mit öffentlichen Verkehrsmitteln ansteuern. Ganz entspannt lässt sich am Samstagnachmittag durch Neuhauser- und Kaufingerstraße schlendern, ohne üblichen Überholungszickzack und menschliche Staus.

Was für die gut ist, die einkaufen wollen, spüren die Händler im Portemonnaie. "Es war sichtbar weniger Frequenz in der Innenstadt", sagt Wolfgang Fischer von Citypartner. "Das kostet die Händler in der Innenstadt zehn bis 15 Prozent des Umsatzes, locker", sagt Fischer. Auch die Parkhäuser seien nicht überlaufen gewesen. "Die Leute sind halt einfach weggeblieben - und wegen des Kaiserwetters lieber an die Seen oder in die Berge gefahren."