Udes Abschied von den Bürgern "Ich hoffe, Sie waren zufrieden"

Ude-Torten, Ude-Tassen, Ude-Bücher: Wie ein Popstar hat der scheidende Oberbürgermeister Christian Ude sich an seinem letzten Arbeitstag von 3000 Münchnern auf dem Marienplatz verabschiedet. Er will sich nun seinen Hobbys widmen.

Von Thierry Backes

Bei allen Meriten, die Christian Ude sich als Oberbürgermeister von München zweifellos erworben hat, eines hat auch er in seiner über 20 Jahre währenden Amtszeit nicht hinbekommen: das Glockenspiel im Rathausturm erträglich klingen zu lassen. Gut, es gab 2007 diesen Versuch, für den auch viele Münchner spendeten, als die 43 Glocken ausgebaut, gereinigt und nach knapp 100 Jahren erstmals wieder gestimmt wurden. Doch wer genau hinhört, wenn die Touristen ihre Kameras um Punkt elf, Punkt zwölf und Punkt 17 Uhr in den Himmel recken, der fragt sich ernsthaft, ob das mit der Sanierung wirklich so passiert ist.

Christian Ude hat das Geklimper aus seinem Amtszimmer am Marienplatz wohl häufiger gehört als die meisten Münchner in ihrem ganzen Leben, doch nun wird er es nicht mehr ertragen müssen: Am 1. Mai geht er in Ruhestand. An seinem letzten Arbeitstag hat sich der "Bürgerking", wie ihn die Presse vor Jahren getauft hat, von seinen Münchnern verabschiedet - direkt unter dem Rathausturm.

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Kaum sind die Glocken verklungen, spielt die Trambahnerkapelle der Münchner Verkehrsgesellschaft auf. Ude tritt um 12.14 Uhr auf den Marienplatz, und schon an dem tosenden Applaus lässt sich erkennen, dass das hier keine Verabschiedungszeremonie wird, sondern eine Huldigung. "Ich habe eine gute Nachricht für Sie", sagt Ude, als er zum Mikrofon greift. "Eine Rede wird es nicht geben, weil ich mich persönlich bei Ihnen verabschieden möchte."

Ude hat den Bürgern einen roten Teppich auslegen lassen, doch eigentlich ist das sein Tag, und das weiß er auch. Er genießt es, ein letztes Mal im Mittelpunkt zu stehen und die 116 Seiten dicke Broschüre mit "C. Ude" zu signieren, die er seine "Leistungsbilanz" nennt und die mehr Inhalt hat als der gesamte Kommunalwahlkampf der SPD. Er unterscheibt auf privaten Autogrammkarten, die ihn mit einer schwarz-weißen Katze im Jahr 2002 zeigen, auf Ude-Büchern und auf Ude-Tassen, deren neuen Besitzern er empfiehlt: "Die dürfen sie jetzt aber nicht täglich in die Spülmaschine stellen."

Die Tassen, die Autogrammkarten, das sind die Restbestände einer Amtszeit, die sich in Udes Broschüre so zusammenfassen lassen: Zwei Jahrzehnte großer Zukunftsinvestitionen bei gleichzeitigem Schuldenabbau, Verteidigung der Daseinsvorsorge, Ausbau des Nahverkehrs, Modernisierungsschub bei der U-Bahn, über 125 000 neue Wohnungen, neue Räume für die Kultur. Und und und.

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Wen auch immer man an diesem Mittwoch vor dem Rathaus anspricht, sie alle sind gekommen, um Christian Ude zu danken und ihm alles Gute für die Zukunft zu wünschen. "Er hat viel für den sozialen Frieden in dieser Stadt getan", sagt etwa Marianne Hertenstein, 65, die zu den ersten Gratulanten gehört.

Auch Dieter Reiter, Udes Nachfolger als OB, schaut auf dem Marienplatz vorbei, obwohl er gerade mit Vertretern von CSU und Grünen über eine Rathauskoalition verhandelt. "Es ist schon bemerkenswert, wie beliebt Christian Ude in München ist", sagt der SPD-Politiker. "Das hat er sich auch verdient."

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Die ersten Ude-Fans warten schon seit elf Uhr auf den OB. Johann Thiess, 46, ist der erste von rund 3000 Ude-Anhängern, die ihm an diesem Mittwoch die Hand schütteln und ein paar Worte mit ihm wechseln, wie die meisten bekommt er neben der Tasse auch ein Stück Torte mit Ude-Konterfei aus dem Hause Rischart.

Es ist, gelinde gesagt, ein ziemliches Durcheinander vor Udes Memorabilia-Tisch, die Polizei muss den städtischen Ordnern mit 30 Beamten unter die Arme greifen. Nur Ude behält die Ruhe. "Vielen Dank, Ihnen auch", sagt er immer wieder, oder: "Ich werde ihn genießen." Und irgendwann hüpft wieder so ein Satz aus seinem Mund, den nur Ude sagen kann, ohne dass er großkotzig klingt: "Ich hoffe, Sie waren zufrieden."

Gut zwei Stunden lang nimmt Ude sich Zeit, dann wartet der nächste Termin. Auf dem Viktualienmarkt ist Ude mit den Kollegen der in Not geratenen Abendzeitung verabredet, als Prominenter verkauft er dort ein paar Ausgaben. Was er nun tun will, jetzt, wo er so viel Zeit hat? Kabarettist sein und Kolumnist. Reisen und Zeit mit seiner Frau Edith verbringen.

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