Von Jan Bielicki

Christian Ude wird heute 60 und im März wohl im Amt bestätigt - doch so unangefochten wie jetzt war der Herr des Rathauses nicht immer.

Es soll eine Zeit gegeben haben, als der Münchner Oberbürgermeister noch nicht Christian Ude hieß. Lang ist es her. Seinen 60. Geburtstag feiert der OB heute, mit städtischem Empfang und sozialdemokratischem Fest, und ein knappes Viertel seines Lebens hat er den Job an der Stadtspitze schon.

Ude 60. Geburtstag

Christian Ude hat gut gut lachen. Heute wird der Münchner Oberbürgermeister 60 und möchte weiterhin die Geschicke der Stadt lenken. (© Foto: AP)

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"Manchmal", sagt er, "habe ich das Gefühl, seit ewiger Zeit OB zu sein." Aber manchmal erscheint es ihm, "als rase die Zeit".

Es sind die 14 OB-Jahre Udes gleichzeitig ja - nicht ganz - ein Viertel der Nachkriegsgeschichte Münchens, und alle Umfragen belegen, dass es noch ein paar Jährchen mehr werden. So zwangsläufig aber, wie alles darauf hinauszulaufen scheint, dass sich Ude in der kommenden Wahlperiode zum am längsten amtierenden Nachkriegsoberbürgermeister Münchens regieren wird, führte seine politische Karriere nicht auf den Stuhl mit der höchsten Lehne im Stadtratssaal.

Es gab nämlich Zeiten, in der Christian Ude nicht immer als Sieger aus politischen Auseinandersetzungen hervorging. Als Landtagsabgeordneten wollten einst die eigenen SPD-Genossen ihren ehemaligen Pressesprecher nicht haben, der ihnen als wortradikaler, linker Flügelmann einer sich in Fehden zersplitternden SPD in Erinnerung war.

1987 zogen ihm vier SPD-Stadträte sogar den CSU-Mann Hans-Peter Uhl vor und ließen Ude bei der Wahl eines neuen Kreisverwaltungsreferenten durchfallen.

Dass Ude schließlich in das Amt kam, in dem er aufzugehen scheint, hatte viel ausgerechnet mit jenem Mann zu tun, den der junge Linke Ude einst bekämpft und der später dem reifen Stadtherrscher Ude beinahe das Regieren völlig verdrießt hatte: Georg Kronawitter, derzeit noch mit Jahresvorsprung am längsten herrschender OB Nachkriegs-Münchens, hatte Ude bereits 1982 öffentlich zu seinem "Wunschnachfolger" erklärt.

Pikant daran war, dass Kronawitter damals nicht mehr und noch nicht wieder regierte, sondern der CSU-Mann Erich Kiesl, und dass daran auch die SPD-Linken - mit dabei: Ude - schuld waren, die ihren OB vor 1978 als dem Wähler "nicht vermittelbar" erklärt hatten.

Damals sagte Ude dem erfolgreich um das politische Comeback kämpfenden Kronawitter noch ab. Er arbeitete in seiner Anwaltskanzlei an seiner Unabhängigkeit vom politischen Betrieb und als "Mieteranwalt" an einem hervorragenden Ruf als Rächer der Entmieteten. Mal ein Auftritt in einer Fernseh-Gerichtsshow, öfter die Aufdeckung eines Immobilienskandals, dafür ein öffentlichkeitswirksam gefeierter Preis - Ude brauchte kein politisches Amt, um ein wichtiger Faktor in der Stadtpolitik zu bleiben.

Den Weg ins Rathaus bahnte ihm wiederum Kronawitter. Er drängte ziemlich rabiat seinen Bürgermeister Klaus Hahnzog aus dem Amt, um 1990 Ude an dessen Stelle zu setzen. Einen weiteren Trick hatte Kronawitter noch auf Lager, die OB-Nachfolge in seinem Sinn zu regeln: seinen Rücktritt 1993, der alle, vor allem die CSU, überraschte.

Es folgte der für den Spitzenkandidaten Ude bis heute härteste Kommunalwahlkampf, der einzige im Übrigen, in dem nicht er die Hauptfigur war. Das war sein CSU-Gegenkandidat Peter Gauweiler, damals eine politische Reizfigur, die eigene Anhänger mobilisierte, stärker aber noch ihre Gegner.

Seither hat kein Christsozialer, der Ude hätte ernsthaft herausfordern können, sich getraut, gegen den rednerisch ohnehin gewandten, die Instrumente der Macht immer virtuoser spielenden Oberbürgermeister anzutreten. Und die, die sich trauten, hat die CSU meist selbst zerlegt.

Die eigene SPD und den grünen Koalitionspartner disziplinierte unterdessen die Einsicht, dass ihr Wahlerfolg vor allem von ihrem Spitzenmann und Stimmenfänger abhängt. Nur Kronawitter brachte seinem Nachfolger mit seiner Kampagne gegen Hochhäuser eine Niederlage bei, die Ude "mächtig gestunken" hat - so sehr, dass er damals seine Parteifreunde verstärkt auf seine "Lebensplanung" hinwies, sich 2008 aus dem Amt zu verabschieden.

"Ich wollte nie so enden wie Helmut Kohl", erklärt Ude, zuletzt an der Macht verschlissen und dann abgewählt. Er habe es "ernst gemeint" mit seinem Rückzugsangebot, nur in der SPD "hat mich niemand ernst genommen".

So hat er sich wieder rufen lassen, auch weil er besorgt war, dass das, was Rot-Grün aufgebaut hat, sich unter anderen Ratsmehrheiten auflösen könnte. Dass München in finanziell kargen Zeiten seine Stadtwerke und andere Beteiligungen erfolgreich halten konnte, hält er für einen der wichtigsten Erfolge seiner Amtszeit.

Und dass in der Stadt "ein Klima herrscht, in dem sich alle wohl fühlen können" - Stein geworden im neuen jüdischen Gemeindezentrum, bisher nur Blaupause für die in Sendling geplante Moschee.

Es wird also noch dauern, bis Münchens Oberbürgermeister nicht mehr Christian Ude heißt, sechs Jahre im Höchstfall: Im Wahljahr 2014 wäre der OB 66 - und dürfte nicht mehr antreten.

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(SZ vom 26.10.2007)