Ude gegen Seehofer Reize jenseits der Routine

Plötzlich ist die Landespolitik für Christian Ude interessant: Bei der Landtagswahl tritt er möglicherweise als SPD-Spitzenkandidat gegen CSU-Chef Seehofer an. Und dieses Mal sieht die Sache für den Münchner OB aus zwei Gründen anders aus.

Von Peter Fahrenholz

Die Emissäre waren selber überrascht. Denn als der ehemalige SPD-Fraktionschef im Landtag, Franz Maget, und sein Nachfolger Markus Rinderspacher vor einigen Monaten bei Münchens Oberbürgermeister Christian Ude vorsprachen, hatten sie eigentlich mit der üblichen Abfuhr gerechnet. Maget und Rinderspacher wollten, quasi pflichtgemäß, nachfragen, ob Bayerns bekanntester und erfolgreichster Sozialdemokrat sich vorstellen könnte, Spitzenkandidat für die Landtagswahl zu werden. Die Reaktion fiel anders aus als erwartet. "Wir waren beide überrascht, dass er es nicht rundheraus ausgeschlagen hat", sagt Maget. Bisher hatte sich Ude für einen Wechsel in die Landespolitik nie interessiert. Warum sollte er auch? Er saß als Münchner Oberbürgermeister so fest im Sattel wie kaum ein anderer deutscher Politiker - mit Wahlergebnissen, die von Mal zu Mal besser wurden. Auf Landesebene dagegen hatte die SPD nie etwas zu bestellen. Nur in den 50er Jahren hatte sie mit Wilhelm Hoegner den Ministerpräsidenten gestellt - eine historische Ausnahmesituation. Denn bei den SPD-Spitzenkandidaten lief es im Laufe der Jahre - mit Ausnahme eines kleinen Ausreißers unter Renate Schmidt - genau umgekehrt wie bei Ude: Ihre Wahlergebnisse wurden von Mal zu Mal schlechter. Doch dieses Mal sieht die Sache für Ude aus zwei Gründen anders aus: Oberbürgermeister kann er nicht noch einmal werden. Weil es für Kommunalpolitiker eine Altersgrenze von 65 gibt, darf er 2014 nicht noch einmal antreten. Für Ministerpräsidenten gibt es keine Altersgrenze. Und die politische Konstellation ist so, dass die Vorstellung, ein SPD-Politiker könne Ministerpräsident werden, zumindest nicht völlig verrückt ist. Wenn die CSU erneut die absolute Mehrheit verfehlt und die FDP aus dem Landtag fliegt, wäre zumindest theoretisch ein buntes Bündnis gegen die CSU denkbar. Aber das hängt von so vielen Unwägbarkeiten ab, dass ein rationaler Politiker wie Ude darauf unmöglich eine sichere Kalkulation aufbauen kann. Es sind wohl eher persönliche Motive, die ihn umtreiben. Nach einer Phase der Amtsmüdigkeit vor der Kommunalwahl 2008, als Ude von seinen Parteifreunden zum Weitermachen überredet werden musste, hat er neuen Spaß an der Politik gefunden. Die Arbeit als Präsident des Deutschen Städtetages, die aufregende, wenn auch letztlich erfolglose Olympia-Bewerbung - das hat neue Reize jenseits der OB-Routine gesetzt. Wer sich in der Münchner SPD umhört, findet kaum jemanden, der sich Ude als Ruheständler vorstellen kann, der auf Mykonos in der Sonne sitzt. Es könne gut sein, dass Ude mit dem Gedanken einer Kandidatur gegen Horst Seehofer spiele, "weil er es ohne Amt nicht aushält", sagt einer. Auch Udes Ehefrau Edith, die früher stets als treibende Kraft für einen Abschied aus der Politik gegolten hat, sehe die Sache jetzt anders, heißt es. Vielleicht merke sie, dass ihr Christian als Rentner am Mittelmeer "nur unglücklich werden kann". Mindestens so groß wie der Horror vor dem endgültigen Ruhestand ist Udes Angst vor dem schleichenden Bedeutungsverlust. Ude ist, vorsichtig ausgedrückt, nicht frei von Eitelkeit. Er genießt es, die dominierende Figur in München zu sein und bei öffentlichen Auftritten mit seiner glänzenden Rhetorik und seinem Witz stets alle anderen auszustechen. Hat die SPD erst einmal ihren OB-Kandidaten bestimmt, liefe Ude Gefahr, in den letzten eineinhalb Jahren seiner Amtszeit mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt zu werden. Als designierter Spitzenkandidat für die Landtagswahl bliebe er dagegen in jedem Fall in der ersten Reihe. Mag sein, dass Ude in seinem Sommerurlaub all diese Überlegungen durchspielt. Er wird dann sicher auch die beträchtlichen Risiken bedenken. Würde er tatsächlich Ministerpräsident, wäre er für alle Zeiten ein politischer Held. Selbst wenn er seiner Partei einen gehörigen Zuwachs beschert, ohne dass es für die Staatskanzlei reicht, hätte sich das Risiko gelohnt, und Ude könnte das halbe Jahr bis zur Kommunalwahl in Ruhe im Rathaus sitzenbleiben. Geht die Sache aber schief, riskiert Ude nicht nur seinen guten Ruf und seinen Nimbus als Unbesiegbarer. Er müsste dann auch als Geschlagener in den Kommunalwahlkampf ziehen, um seinem Nachfolger den Weg zu ebnen. Gut möglich, dass unter solchen Umständen auch noch dieses Amt für die SPD verloren geht.

Christian Ude kann sich vorstellen, bei der Landtagswahl 2013 als Spitzenkandidat für die SPD anzutreten - gegen Horst Seehofer.

(Foto: picture alliance / dpa)