"Typographie des Terrors" in München Pure Propaganda
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Abscheuliche Hetzplakate mit hakennasigen Juden oder einem Skifahrer, der den Arm zum Hitlergruß ausgestreckt hat: Fast ohne Kontext zeigt das Stadtmuseum München Plakate aus dem Dritten Reich. Die Besucher werden so mit den Bildern alleine gelassen.
Für jemanden, der sich auch nur ein wenig mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt hat, ist diese Ausstellung - so schauerlich es klingen mag - auch ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Da hängt das abscheuliche Hetzplakat, das 1937 die Münchner Ausstellung "Der ewige Jude" ankündigte, darauf das Zerrbild eines hakennasigen Juden im schwarzen Kaftan, das ergaunerte Geld in der einen Hand, unter den anderen Arm ein ganzes Land geklemmt.
Ludwig Hohlweins Plakat "Die IV. Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen".
(Foto: Katalog, © VG Bild-Kunst, Bonn 2012)Man trifft auf den Skifahrer in heroischer Pose, das Kinn emporgereckt, die Augen geschlossen, der rechte Arm zum Hitlergruß erhoben, den Ludwig Hohlwein auf das Plakat für die Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen gemalt hat. Und natürlich wird man immer wieder mit dem Führerkult konfrontiert, Hitler-Plakaten wie dem von 1938 nach einem Heinrich-Hoffmann-Foto, darunter die Zeile "Ein Volk, ein Reich, ein Führer!"
Das alles hat man schon gesehen, in den Geschichtsbüchern, in fast allen Publikationen zum Thema und in den Ausstellungen, wo solche Propagandaplakate in erster Linie eine illustrierende Funktion haben, wo sie als historische Dokumente und Quellen eingesetzt werden, um etwa zu erklären, wie es den Nationalsozialisten gelang, die Massen zu verführen.
Wer die Urheber dieser Plakate waren und mit welchen gestalterischen Mitteln sie arbeiteten, darum ging es bisher nur selten. Eine Forschungslücke, die das Münchner Stadtmuseum mit seiner Ausstellung "Typographie des Terrors" nun füllen möchte.
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Was aber sind die Plakate, was über ihre Bedeutung als historische Dokumente und Quellen hinausgeht? Können sie bestehen als eigenständige ästhetische Objekte? Die Münchner Kuratoren Thomas Weidner und Henning Rader scheinen ganz darauf zu vertrauen. Sie wollen die alltägliche Plakatierung zeigen und damit die ideologische Durchdringung des Alltags, wie ihn die Münchner Bevölkerung zwischen 1933 und 1945 erlebte - wenn auch in stark abstrahierter Form.
Ihre Präsentation fällt so puristisch aus, als wäre es die eines Designmuseums. In chronologischer Reihenfolge und in gleichwertigem Nebeneinander hängen die 101 Plakate rahmenlos hinter Plexiglas auf hellgrau gestrichenen Wänden. Nichts lenkt ab von ihnen, und es ist außer ihnen auch nichts sonst zu sehen, bis auf eine Bretterwand am Anfang der Ausstellung mit Wahlplakaten aller politischer Parteien vom Ende der Weimarer Republik.
Die Besucher werden alleine gelassen mit diesen Bildern, in der Hoffnung darauf, dass deren einstige suggestive Kraft nur noch zu erahnen ist, sich ihre Lächerlichkeit von selbst entlarvt. Man kann sich fragen, ob das die richtige Form der Präsentation ist, denn der einzige Kontext, in den die Plakate gestellt werden, sind - abgesehen von knapp gefassten Bildlegenden - die anderen Plakate.
Und darunter sind nicht nur Propagandaplakate, sondern eben auch bisher unbekannte Werbe- und Veranstaltungsplakate. So hängt die scheinbar harmlose Reklame für das Modehaus Konen neben dem antisemitischen Hetzplakat und die Ankündigung eines Tischtennisturniers neben einem Hitler-Poster.
Der Kontrast dieser Plakatausstellung zur Dauerausstellung "Nationalsozialismus in München", die ebenfalls im Stadtmuseum zu sehen ist, deren mit Metallplatten ausgekleideten Wände massiv, eng, fast bedrohlich wirken, könnte kaum größer sein.
Die Kuratoren haben auf Gegenüberstellungen verzichtet, die die Realität hinter dem propagandistischen Schein aufdecken könnten. Herleitung und Kontinuitäten der Bildsprache der NS-Plakate deuten sie in den Bildlegenden nur an, kein historisches Foto ist zu sehen.
Und auch die gestalterischen Aspekte, die im Titel anklingen, finden sich kaum wieder: zum Beispiel die Debatten um die Fraktur, die erst zur offiziellen Schrift erhoben und dann wegen der schlechten Lesbarkeit 1941 doch wieder fallengelassen wurde. Wer will, kann alles im Katalog nachlesen, in dem sich die eigentliche Forschungsleistung von Weidner und Rader versteckt. In vielen Fällen waren sie die ersten, die den Biographien der Plakatgestalter nachgegangen sind, zu jedem Plakat liefern sie interessanten Hintergrund. Warum bloß so wenig in der Ausstellung?
Der Besucher, zurückgeworfen auf das Ästhetische der Plakate, kann nur enttäuscht sein, wenn nicht gar angewidert. Mit den fulminant modernen Film- und Theaterplakaten etwa von Jan Tschichold, die noch kurz vor 1933 in München entstanden, haben diese Plakate nichts mehr zu tun.
Viele der Gestalter verstanden sich als Plakatmaler, die noch mit Pinsel und Zeichenstift hantierten, und orientierten sich an dem flächenhaften und in Farbe und Form reduzierten Stil, den Ludwig Hohlwein, der einzige heute noch bekannte Plakatgestalter in der Ausstellung, bereits in den Zehner Jahren entwickelt hatte.
Schon vor der Machtergreifung arbeitete Hohlwein für die NSDAP, etwa 40 Propagandaplakate gehen auf ihn zurück. Nach dem Krieg erhielt er, eingestuft als Vorteilsnehmer des NS-Regimes, einige Monate Berufsverbot, bis Februar 1946. Wie überhaupt keiner der Plakatgestalter aus dem Dritten Reich wegen Volksverhetzung verurteilt wurde.
"Typographie des Terrors. Plakate in München 1933 bis 1945", bis 11. November im Münchner Stadtmuseum. Der Katalog kostet 39,80 Euro.