Von Gerhard Fischer

Der TSV 1860 diskutiert bei einer Buchvorstellung seine nationalsozialistische Vergangenheit - dabei geht es auch um die Gegenwart.

Heinrich List ist 1926 Mitglied beim TSV 1860 München geworden. Er war dabei, als 1934 alle Sportler auf dem Klubgelände der Löwen an der Auenstraße zusammengerufen wurden. Ein Mann in Uniform sprach und forderte sie auf, in die SA einzutreten.

Ein dunkler Schatten: Der TSV 1860 diskutiert über seine braune Vergangenheit. (© Foto: imago)

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Manche taten das, andere nicht. Aber jahrelang mussten alle Sportler einmal pro Woche zum Appell antreten. Wer nicht kam, dem wurde gedroht, dass er in seinem Beruf Probleme kriegen würde. List fehlte ein paar Mal und wurde ermahnt, ansonsten hat er mitgemacht. "Es war schon lästig, aber man hat es hingenommen, wir waren Befehl und Gehorsam gewohnt", erzählt Heinrich List, heute weit über 90 Jahre alt, am Montagabend in der Klubgaststätte des TSV 1860 an der Grünwalder Straße.

"Wir stellen uns"

An der Wand hängt auf blauem Grund mit weißer Schrift der Slogan "Wir stellen uns". Davor ist ein Tisch aufgebaut, hinter dem Platz nehmen: 1860-Vizepräsident Franz Maget, Geschäftsführer Manfred Stoffers, Herbert Schröger von der Gruppe "Löwenfans gegen Rechts", Dietrich Schulze-Marmeling vom Verlag Die Werkstatt und Anton Löffelmeier, der das Buch "Die Löwen unterm Hakenkreuz" geschrieben hat - das erste, das sich ausschließlich mit dem TSV 1860 während der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt.

Die Löwen waren damals nicht nur bereit, sich rasch anzupassen, sie wurden sogar von Nazis geführt; von den SA-Leuten Fritz Ebenböck und Emil Ketterer - und von Sebastian Gleixner, der nach dem Krieg als "Hauptschuldiger" eingestuft und zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt wurde.

Der TSV 1860 hat sich lange nicht darum gekümmert, was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist. Es sei nun "überfällig" gewesen, sagt Franz Maget und stellt eine Frage in den mit 150 Zuhörern besetzten Raum: "Warum ist der Verein nicht selber darauf gekommen, das zu tun?"

Die Antwort gibt er selbst, es ist keine sehr überzeugende. Es bedürfe wohl immer "eines Anstoßes von außen", etwa eines Historikers.

Immerhin: 1860 hat Anton Löffelmeier nicht behindert, als er zu forschen begann. Manche Vereine tun das. Verleger Dietrich Schulze-Marmeling, der mehrere Bücher über Fußballvereine in der Nazi-Zeit publiziert hat, berichtet von Klubs, die sich sperrten, weil "sie dachten, wir wollen ihnen was am Zeug flicken". Er, Schulze-Marmeling, bewerte einen Verein aber nicht danach, was zwischen 1933 und 1945 geschehen sei, sondern danach, wie er heute damit umgehe.

100 Rechtsextreme in der Kurve

Manfred Stoffers sagt, es gebe zwei Gründe, warum 1860 dieses Buchprojekt unterstütze: erstens Ehrlichkeit; und zweitens wolle 1860 ein Zeichen setzen gegen den Rechtsextremismus im Jahr 2009. Dies solle auch in der neuen Vereinssatzung, die gerade in Arbeit sei, dokumentiert werden. Dort solle stehen, dass Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zum Ausschluss aus dem Verein führen.

1860 will durchgreifen. Stoffers berichtet, dass man in der vorigen Woche rechtsextreme Löwen-Anhänger zur Sitzung des Fan-Rates eingeladen habe. "Sie wollten nicht Abstand nehmen von ihrer Gesinnung - da haben wir ihnen Stadionverbot erteilt."

Herbert Schröger von den "Löwenfans gegen Rechts" schätzt die Zahl der Rechtsaußen, die bei 1860 in der Kurve stehen, auf 50 bis 100. "Die glaubten bisher, dass sie beim richtigen Verein sind, weil sich 1860 bislang nie öffentlich von seiner braunen Vergangenheit distanziert hat", meint Schröger.

Vor allem Karl-Heinz Wildmoser, Präsident von 1992 bis 2004 und Träger des Bundesverdienstkreuzes, habe kein Interesse daran gehabt, die Vergangenheit aufzuarbeiten und sich den Rechten der Gegenwart entgegenzustellen. "Wir haben ihm fast jede Woche einen Brief geschrieben, aber der hat uns noch nicht mal ignoriert", erinnert sich Schröger.

Und vor ein paar Jahren, Wildmoser war schon weg, ging Schröger zu einem Vizepräsidenten, dessen Namen er nicht nennen will. Dieser ließ ihn abblitzen mit den Worten: "So ein Buch bringt gar nichts. Alle, die es betrifft, sind demnächst tot."

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(SZ vom 29.07.2009/sonn)