Treffen der Hochbegabten in München Einmal verlieren

Was zum Teufel ist Obazda? Hochbegabte aus ganz Deutschland treffen sich derzeit in München. Beim Schafkopf-Kurs müssen sie sogar Niederlagen einstecken.

Von Lisa Sonnabend

Manche Dinge machen auch Hochbegabte ratlos. "Was ist denn Obazda?", fragt Matthias, der am Donnerstagabend ein wenig verzweifelt in die Speisekarte des Hofbräukellers in Haidhausen blickt. Ein anderer am Tisch wundert sich, dass der Kellner ihm statt einem Weizen, das er bestellt hat, ein Weißbier serviert. Und Christof Winter kann sich nicht entscheiden, ob er Semmelgulasch oder Bärlauchspätzle mit Schwammerl bestellen soll. Ob das überhaupt schmeckt?

Seinen IQ verrät er nicht: Christof Winter lernt Schafkopfen.

(Foto: Foto: sonn)

Fast 1000 Hochintelligente aus ganz Deutschland sind nach München gekommen, wo von Donnerstag bis Sonntag das Jahrestreffen des Vereins Mensa stattfindet. Im Hofbräukeller wollen einige Teilnehmer Schafkopfen lernen, auch um ein bisschen mehr über die Bayern zu erfahren.

14 Mensaner sitzen an einem langen Ecktisch und hören aufmerksam zu, während der Münchner Michael Veit die Regeln erklärt. Manchmal fragt einer kurz nach und einige kichern, als Veit sagt: "Den Schellen-Unter nennen wir Scheißerle." Schon nach wenigen Minuten werden das erste Mal die Karten ausgeteilt.

Christof Winter hat inzwischen ein Weißbier getrunken und ein Paar Würstl verspeist. Der 32-Jährige aus Dresden hat den klassischen Lebenslauf eines Hochbegabten. In der Schule langweilte er sich meist. Auch als er eine Klasse übersprungen hatte, kam er noch locker mit. Mathematik fiel ihm besonders leicht. Derzeit schreibt er seine Doktorarbeit in Bioinformatik. Winter trägt einen Dreitagebart, ein sommerliches Hemd und Jeans. Nur sein wachsamer Blick lässt erahnen, dass er überdurchschnittlich intelligent ist.

Seit knapp einem Jahr ist Winter Mitglied bei Mensa. Er hatte den Aufnahmetest zufällig im Internet entdeckt und mal eben nebenbei ausgefüllt. Da das Ergebnis reichte, trat er dem Verein bei. Seinen Intelligenzquotienten verrät Winter nicht, das sei so üblich bei Mensanern. Sicher ist, dass er über 130 liegt. Denn nur mit diesem Ergebnis darf man dem Verein beitreten und gilt als hochintelligent - was immerhin zwei Prozent der deutschen Bevölkerung sind.

Winter nimmt seine Karten auf. Er kann bereits Doppelkopf und Skat, nun will er auch Schafkopfen lernen. Ein wenig unschlüssig zeigt er dem Schafkopfkenner Veit das Blatt. Ob es gut genug ist, um zu spielen? Die Hochbegabten verstehen die Regeln schnell, doch zu Schafkopf-Genies sind sie nach der kurzen Zeit nicht geworden. Ein Nichtspieler reißt sich und seinen Partner in die Niederlage, indem er beginnt, Trümpfe zu ziehen. Zudem zählt keiner mit, wie viele Punkte er bereits erzielt hat und wie viele Trümpfe noch nicht gespielt sind.

Uta, eine 31-jährige Rechtsanwältin, sagt: "Wenn es etwas gibt, das typisch für Hochbegabte ist, dann ist es die Lust am Spielen." In jedem Mensa-Ortsverein finden regelmäßig Spieleabende statt. Auf dem Jahrestreffen in München können die Hochbegabten zudem an Führungen durch das Deutsche Museum teilnehmen, die Allianz Arena besichtigen oder bei einer Kneipentour um die Häuser ziehen. Auf einem eintätigen Symposium werden Vorträge über Themen wie Neuroökonomie oder Traumforschung gehalten. Doch die meisten Mensaner sind nach München gekommen, um Gleichgesinnte zu treffen. Das seien Leute, die eine schnelle Auffassungsgabe haben, zudem aber auch gebildet sind, sagt Uta. "Denn was nützt ein schneller Prozessor, wenn die Festplatte leer ist?"

Winter hat noch mit vielen Freunden von früher Kontakt. Aber er sagt: "Je älter man wird, desto mehr Wert legt man auf Gespräche mit gut Informierten." Winter geht deswegen mindestens einmal im Monat mit anderen Hochbegabten aus Dresden zum Wandern in die Sächsische Schweiz oder spielt mit ihnen Billard. Er fühlt sich wohl bei Mensa.

Um kurz nach acht Uhr vertraut keiner in Winters Schafkopfrunde seinem Blatt und ergreift die Initiative zu spielen. Das bedeutet: Ramsch. Dabei geht es darum, möglichst wenig Punkte zu erzielen. Eine ungewohnte Situation für die Hochbegabten. Christof Winter verliert.