Transidentität Zu viel Schminke? Nicht doch

Der Gedanke, dass ihre Kinder sich für sie schämen könnten, belastet Durner. Ihre ersten Versuche, auch äußerlich eine Frau zu sein, sind vorsichtig, mal trägt sie Nagellack, mal ein weibliches Parfum oder einfach nur figurbetonte, aber geschlechtsneutrale Kleider. Im Frühjahr 2015 geht sie das erste Mal in einem schlichten Baumwollkleid durch München. "Nach kurzer Zeit war es eine Überwindung, als Mann rauszugehen." Sie spricht leise, mit einem sanften Säuseln in der Stimme, ihre Kaffeetasse hebt sie mit einer eleganten Handbewegung an. Josefine Durner takelt sich mittlerweile augenscheinlich gerne auf. Die Lippen hat sie erdbeerrot angemalt, auf der glatt rasierten Wange prangt ein Schönheitsfleck über einer Schicht kräftigen Rouges. Zu viel? Nicht doch. Das sei wie bei den Schminkversuchen eines Teenagers, sagt Durner. Die Freude am eigenen Geschlecht ist groß, und alles will ausprobiert werden. "Das ist wie bei einem Nutellabrot", sagt sie, "das schmeckt auch am besten, wenn ganz viel Nutella drauf ist."

Eines Tages möchte Durner durch eine Operation auch ihre Genitalien denen einer Frau angleichen lassen. Die Frage danach bejaht sie jedenfalls ohne Zögern. Dennoch tastet sie sich langsam an ihr Wunschgeschlecht heran, auch, weil so eine Transition teuer ist. Ein paar hübsche Slips will sie sich zulegen, wie sie erzählt. Mittels Nadelepilation möchte sie sich die Barthaare entfernen lassen. Im Sommer einen Bikini tragen. Kleine Schritte, wenn auch wichtige. Bis heute fällt es Durner schwer, den Alltag zu meistern. Schon das Klingeln eines Telefons kann sie in Panik versetzen. Zugleich dudelt in ihrer Wohnung der Fernseher gegen die Einsamkeit an. Die Erinnerung an den Fall ins Bodenlose sitzt tief. Erst im geschützten Raum der Station für Borderline-Störungen in Haar hat sich Durner getraut, die Sehnsucht nach dem Weiblichen anzuerkennen. Und so zu leben, wie es sich stimmig für sie anfühlt - als Frau.

Peu à peu geht es seitdem aufwärts, auch dank ihres früheren Kontrabass-Lehrers, der ihr als Freund zur Seite steht. An manchen Tagen ist sie lieber zu Hause, an anderen ist sie in ihrem Viertel unterwegs, der Gegend um die Sonnenstraße. Sie mag das Pimpernel und die Favorit-Bar. Und den türkischen Friseur, bei dem sie sich die Augenbrauen machen lässt. In einem Schuhgeschäft an der Herzogspitalstraße hat sie sich ihr erstes Paar High Heels gekauft. Mit richtig hohen Absätzen. Weil nur die einer Trägerin diese besondere Haltung verleihen. "Die richten auf", sagt sie. Den Rücken gerade, das Haupt würdevoll erhoben. So möchte Josefine Durner durch das Jahr 2017 gehen.

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