Tour durch Deutschland Mit dem Dreirad nach Rügen

Durch ihr Dreirad hat Gunda Krauss neuen Lebensmut geschöpft.

(Foto: Robert Haas)

Gunda Krauss hatte als Rentnerin ihren Lebensmut verloren. Dann kaufte sie sich ein Fahrrad - und fuhr damit quer durch die Republik.

Von Viola Bernlocher

Wenn Gunda Krauss auf ihrem neongrünen Easy Rider durch München cruist, fühlt sie den Wind und das pure Leben. Der Lenker ist wie bei einem Chopper höher gestellt, der Sattel hat eine Lehne, eine kleine Fahne flattert im Wind. Gunda Krauss ist 75 Jahre alt. Sie tritt in die Pedale des Dreirads mit dem bequemen Sitz, der E-Motor zieht an und sie saust an der Radlerin neben ihr vorbei. Bis man sie wieder eingeholt hat, muss man ganz schön strampeln und sie, sie kichert ihr ansteckendes Lachen.

Es gab eine Zeit, da war Gunda Krauss nicht so fröhlich. Als sie in Rente ging, fühlte sie sich, als sei sie zu nichts mehr nutze. Zuletzt hatte sie als Bauzeichnerin in einen Architektenbüro gearbeitet - ein fordernder Job, in dem sie die Schnelligkeit der Jungen mit ihrer Erfahrung ausgleichen konnte. Später, in Rente und nach mehreren Hüftoperationen aber traute sie sich nicht mehr, vor neun Uhr morgens in den Bus zu steigen - und nur ihr Dackel Sauser brachte sie noch ab und an zu einem Spaziergang vor die Tür. "Ich bin in ein richtig tiefes, dunkles Loch gefallen und wurde sehr unleidlich und depressiv", erzählt Gunda Krauss heute.

Dreirad bringt Lebensfreude zurück

Bis sie 2008 ihr Dreirad auf dem Streetlife Festival in der Leopoldstraße bei einem Händler entdeckte. Nach einer kleinen Spritztour war sie überzeugt und kaufte es. Das Dreirad brachte ihr ihre Unabhängigkeit und ihren Lebensmut zurück. Dabei traute sie sich erst gar nicht, damit zu fahren. "Auf dem Streetlife in der Leopoldstraße war das einfach, da war ja kein Verkehr, aber in der Stadt? Da hatte ich schon ein bisschen Angst", sagt sie. Zusammen mit einer Nachbarin und Dackel Sauser in seinem Korb machte sie dann ihre erste längere Ausfahrt. "War das schön. Irgendwann sind wir sogar am Feringasee entlanggelandet", sagt sie. Spätestens danach gab es für sie auf dem Dreirad kein Bremsen mehr und sie begann, fast überall hin zu fahren.

Nur das Isar-Hochufer machte ihr zu schaffen, ein Elektro-Motor musste her. Als ihr Fahrrad-Händler sie fragte, wo sie denn damit hinwolle, sagte sie nur in ihrer kessen, schlagfertigen Art: "Durch die Republik!" Ein Satz, der ihr im Nachhinein keine Ruhe ließ - eine Idee hat sich festgesetzt. 2009 ging es los. Sie fuhr, bis ans Ende Deutschlands, von München nach Rügen. Der Münchner Verein "green city" unterstützte sie bei ihrer Reise, schließlich hat die Tour auch einen ökologischen Aspekt. Im Gegenzug fütterte sie den Online-Blog mit ihren Erlebnissen, Begegnungen und Erfahrungen.

Tour quer durch Deutschland

Die Städte, die sie besuchte, bereiteten ihr allesamt einen freundlichen Empfang. "Ich habe Bürgermeister gesammelt, von allen Parteien habe ich einen kennen gelernt", erzählt sie und lacht. Einer habe sogar Sauser bei sich einquartiert, als der Hund nicht mit ins Nachtquartier durfte. Auf ihrer Reise bekam sie viel Aufmerksamkeit, auch medial, der MDR und der WDR begleiteten sie mit der Kamera ein Stück des Weges, viele Lokalzeitungen schrieben und so erreichte sie vor dem geografischen schon ihr ideelles Ziel: "Ich wollte zeigen, dass man auch umweltfreundlich und geruhsam weit reisen kann."

Die Reise hat auch sie selbst und ihre Lebenseinstellung positiv verändert, berichtet sie heute: "Ich höre mehr, ich sehe mehr, ich gehe mit offeneren Augen durch die Welt. Meine kindliche Neugierde auf das Leben ist wieder voll erwacht, ich möchte alles lernen, alles begreifen." Das ist nicht nur dahingesagt. Wenn man sie trifft, strahlt sie eine jugendliche Frische aus, die Augen blinzeln neugierig hinter ihrer markanten, lila-grünen Brille, die Mundwinkel zucken, jederzeit bereit für ein Lächeln.

Sie ist umtriebig und sitzt selten still an einem Ort - außer auf dem Rad. Und sie plant schon ihre nächste Tour. Von den Alpen bis zur Ostsee soll es gehen, mit Unterstützung sozialer Netzwerke. Über ihre Facebook-Seite und die Website können Menschen sie einladen, ihre Orte, Projekte und sie selbst zu besuchen - und natürlich wird es auch Berichte von der Route 76 geben, so heißt das Projekt.