Tödlicher Nachbarschaftsstreit Feind von nebenan

Tragisches Ende eines Nachbarschaftsstreits am Starnberger See: Ein 79-Jähriger wirft eine Mülltonne nach seinem 80-jährigen Nachbarn. Der erleidet einen tödlichen Herzinfarkt. Nun muss sich der Werfer in München vor Gericht verantworten.

Von Andreas Salch

Es ist eine Idylle. Ein Haus fast direkt am Starnberger See mit 200 Quadratmeter großer Dachterrasse. An schönen Tagen erscheint von dort oben die Zugspitze zum Greifen nah. Doch auf dem Anwesen, das in einer noblen Wohngegend in der Gemeinde Berg liegt, tobte fast zwanzig Jahre lang ein erbitterter Nachbarschaftsstreit. Einer der beiden Bewohner des Hauses, der achtzigjährige Gynäkologe Hans-Joachim W., überlebte den Zwist nicht.

Nach einer Auseinandersetzung mit seinem Nachbarn, Walter H., fiel Hans-Joachim W. in der Einfahrt des Anwesens plötzlich um. Herzinfarkt. Er kam auf die Intensivstation der Agirov Klinik in Berg. Zwei Tage später war er tot.

Walter H., 79, Bundesbahndirektor a. D., muss sich wegen der Angelegenheit seit Dienstag vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht München II verantworten. Der Vorwurf, dem ihn Staatsanwalt Eric Ende macht, lautet versuchte gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge. Walter H. soll auf seinen Widersacher eine Plastikmülltonne geworfen haben. Hans-Joachim W. wurde zwar nicht getroffen. Er konnte ausweichen. Doch offenbar war die Aufregung zu viel für ihn. Der Angeklagte hätte "erkennen können und müssen, dass der Wurf mit der Mülltonne für Hans-Joachim W. tödlich sein könnte", heißt es in der Anklage.

Man merkt Walter H. an, dass er es gewohnt ist, andere von sich zu überzeugen. Als Bundesbahndirektor arbeitete er viel im Ausland, beriet bis vor kurzem Eisenbahngesellschaften in der ganzen Welt in technischen Fragen. Zu der Verhandlung vor der Schwurgerichtskammer brachte er Fotos von dem Anwesen in Berg und selbst gezeichnete maßstabsgetreue Skizzen mit.

"Herr W. kam auf Position B"

Als er dem Vorsitzenden Richter Martin Rieder erläuterte, wer wo an jenem 28. Juli 2009 in der Einfahrt gestanden sei, als Hans-Joachim W. einen Herzinfarkt erlitt, hörte sich das so an: "Herr W. kam auf Position B", dessen Lebensgefährtin, Frau W., habe "auf der x-Achse horizontal zu Punkt 3,5 die Sondernutzungsgrenze beschritten". Anders ausgedrückt: Walter H. war an diesem Tag mit "Markierungsarbeiten" beschäftigt.

Damit der Grenzstreifen in der Einfahrt, in der sich ein Pkw-Stellplatz befindet, auch ganz genau verläuft, hatte er als Provisorium zunächst ein Seil gespannt. Daran entlang positionierte er anschließend Pflanzenkübel. Damit die auch an Ort und Stelle bleiben, bohrte er Löcher in den Boden der Kübel und schraubte sie fest. Für die Grenzsicherungsarbeiten hatte Walter H. zuvor die Mülltonnen verschoben. Dann seien Hans-Joachim W. und seine Lebensgefährtin gekommen.

"Schau, was der Typ da macht", soll die zu ihrem Lebensgefährten gesagt haben. Daraufhin habe der 80-Jährige eine Tonne versetzt. Walter H. sagt, er habe die Tonne aber wieder dort hingeschoben, wo er sie platziert hatte. Das soll einige Male so hin- und hergegangen sein. Dann, so der Angeklagte, habe er die Tonne lediglich "umgekippt" und wollte gehen. Kurz darauf habe H.s Lebensgefährtin ihn angefahren: "Sie Scheißkerl haben es endlich geschafft." Hans-Joachim W. war zu Boden gefallen und hatte das Bewusstsein verloren. Der Prozess wird fortgesetzt.