Ruhe kehrte ein, betriebsame Ruhe. Timofej und Natascha legten auf dem Brachland einen Garten an, züchteten Blumen und verkauften Honig. Zur Basilika kam eine kleine Kapelle hinzu. Und dann das: München erhielt die Olympischen Spiele, und ausgerechnet das Oberwiesenfeld war auserkoren, die gewaltigen olympischen Sportstätten zu beherbergen. Dort, wo Natascha und Timofej ihr Konkubinat genossen, sollten Springreiter ihr Wesen treiben.

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Doch die Münchner zogen nicht mit. Es hagelte Proteste, und nach einem Besuch bei Timofej machte sich Olympia-Architekt Günter Behnisch über seine Pläne her. Das russische Kleinbiotop durfte bleiben. Noch ist nicht entschieden, was jetzt, nach dem Tod seines Schöpfers, daraus wird. Alles andere als die Erhaltung des einzigartigen Ensembles wäre ein Jammer.

Im Olympiajahr 1972 brachte Timofej Ordnung in seine wilde Ehe. Die AZ titelte: ",2000jähriger' Timofej heiratete die 76 Jahre junge Natascha." Fünf Jahre später starb sie. Ihr Wunsch, neben der Kirche begraben zu werden, scheiterte an der Bürokratie. Wo sie liegen wollte, errichtete Timofej ein symbolisches Grab. Hin und wieder war er da zu sehen, Blumen aufs Grab legend oder betend.

Bestaunt wie ein Wundertier

Längst galt er als der "Olympia-Eremit", als der "Methusalem vom Oberwiesenfeld", den die Touristen bestaunten wie ein Wundertier. Und mit dem langen, schlohweißen Haar sah er selbst aus wie eine der Ikonen, die sonder Zahl in der Basilika hängen. Manche hielten ihn für einen Heiligen, bei dem sie Rat suchten.

Zuletzt machte der Körper nicht mehr mit. Altenheim, Krankenhaus, Dahinsiechen am Tropf. Vorbei jetzt.

Vielleicht erzählt man sich bald wieder eine letzte, phantastische Geschichte. Etwa so: Manchmal, wenn man lange genug auf der Bank vor diesem Haus sitzt, eingelullt vom Summen der Bienen und einer ins Kraut schießenden Natur...manchmal also erscheint da ein Mann mit Rauschebart und weißem Haar und setzt sich dazu. "Gestatten, Timofej Wasiljewitsch Prochorow."

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(SZ vom 15.7.2004)