Interview: Tanjev Schultz

Der Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz rät in brenzligen Situationen dringend zu Vorsicht - es gebe viele hasserfüllte Menschen, die nur darauf warten würden, auf andere loszugehen.

Der Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz ist Professor an der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen. In brenzligen Situationen rät er dringend zu Vorsicht.

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Am S-Bahnhof in Solln ereignete sich am Samstagnachmittag das schreckliche Verbrechen. (© Foto: AP)

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SZ: Was soll man tun, wenn Fahrgäste in der S-Bahn herumpöbeln und andere drangsalieren?

Adolf Gallwitz: Man sollte Hilfe holen und die Situation gut beobachten, um später als Zeuge dienen zu können. Ich rate dringend davon ab, handgreiflich zu werden.

SZ: Aber man kann doch nicht einfach nur danebenstehen!

Gallwitz: Man darf sich aber nicht selbst gefährden. Es gibt leider so viele hasserfüllte Menschen, die nur darauf warten, dass ein anderer einschreitet, damit sie dann auf den losgehen können. Das ist alles schwer abzuschätzen. Die gute Absicht allein hilft ja niemandem.

SZ: Wie lässt sich dann helfen?

Gallwitz: Man sollte Öffentlichkeit herstellen und andere mobilisieren, indem man Unbeteiligte persönlich anspricht und sie um Hilfe bittet. Man sollte außerdem aus der Distanz die Täter auffordern aufzuhören. Und im Zweifel schnell die Polizei rufen.

SZ: Man soll die Gewalttäter direkt ansprechen? Wie denn?

Gallwitz: Man sollte sie nicht bedrohen oder provozieren. Aber man kann laut "Stopp, hören Sie auf!" rufen. Dabei sollte man weiterhin Abstand halten.

SZ: Wenn es mehrere Helfer gibt, könnten sie doch probieren, die Täter zu überwältigen.

Gallwitz: Das empfehle ich überhaupt nicht. Da überschätzen sich viele. Wichtig ist eine Arbeitsteilung: Einer versucht, aus der Distanz den Tätern Einhalt zu gebieten. Andere können die Polizei rufen oder Mitarbeiter der Bahn.

SZ: Soll man in der Bahn die Notbremse ziehen?

Gallwitz: Das kann bei schweren Übergriffen hilfreich sein. So werden alle aufmerksam. Der Zug fährt dann in die nächste Station ein, und Wachleute oder Polizisten können schnell eingreifen.

SZ: Manche fühlen sich sicherer, wenn sie ein Pfefferspray oder eine Waffe zur Selbstverteidigung dabei haben.

Gallwitz: Davon rate ich dringend ab. Da wiegt man sich in falscher Sicherheit. Die Gefahr kann sogar noch größer werden, weil die Waffe einen Täter aggressiver machen kann.

SZ: Man soll nicht den Helden spielen, aber wären mehr Zivilcourage und mehr Helden nicht doch wünschenswert?

Gallwitz: Zivilcourage ist sehr wichtig, man beweist dabei aber schon genug Heldentum, wenn man aus der Distanz hilft, die Polizei alarmiert und sich als Zeuge zur Verfügung stellt.

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(SZ vom 14.09.2009/wib)