Von Von Gottfried Knapp

Ein architektonischer Streifzug zu Urwaldhaus, Polarium und Frei Ottos Volierenzelt.

Wer die Einzigartigkeit des Münchner Zoos benennen will, der braucht nur seinen Namen "Tierpark Hellabrunn" richtig zu deuten: Der Geozoo, der 1910/11 in den Isarauen um ein paar blankliegende Nagelfluhfelsen herum angelegt wurde, ist kein kleinteiliger Zoologischer Garten, wie er vielerorts im 19. Jahrhundert in historische Gartenanlagen eingepasst worden ist, sondern ein Tier-Park im wörtlichen Sinne: ein Landschaftspark mit weitläufigen, naturhaft gestalteten Tierfreigehegen, der zudem über den Luxus eines kraftvoll fließenden Wasserlaufs verfügt: Der Auer Mühlbach durchrauscht das Gelände der Länge nach; er bringt spürbar Leben in die Abfolge gepflegter Landschaftsausschnitte und stehender künstlicher Wasserbecken und speist den kleinen Bach, der sich in sanften Windungen durch das einzigartige Biotop der Voliere windet.

Anzeige

Aber auch die alten Flurnamen Hellabrunn und Siebenbrunn verraten einiges über die Besonderheiten des Hangs unterhalb des Harlachinger Kirchleins, auf dem im 18. Jahrhundert ein terrassierter Barockgarten mit Brunnen und Fontänen angelegt war. Am Fuß des Hangs entspringen fünf Quellen, deren kaltes Wasser in die Becken des Polariums geleitet wird. Das Wasser spielt also, wie es seiner Rolle in der Evolution entspricht, eine vitale Rolle im Tierpark der fünf Brunnen. Das kleine Aquarium im Keller der alten Menschenaffenstation kann zwar nur Detailausschnitte aus der Fülle der Lebensformen unter Wasser bieten, doch nebenan im neuen Tropenhaus führen kluge Tafeln und die geschickt kombinierten Lebensgemeinschaften in den Becken und im simulierten Urwald den langen Weg der Evolution von den Einzellern im feuchten Element bis zu den Primaten im Dschungel anschaulich vor.

Wer von der Isarbrücke her das Gelände betritt, wird in eine Folge suggestiv inszenierter Landschaftssegmente entlassen. Jeder Tierart, jeder Lebensgemeinschaft ist ein bildhaft sich öffnendes, mit Bäumen, Büschen, Wasserläufen oder Felsen malerisch ausgestattetes Stück Landschaft zugeordnet. Die Ställe und Unterstände sind jeweils diskret im Hintergrund versteckt. Der Besucher spaziert auf dem Rundweg also von einem in sich abgeschlossenen mitteleuropäischen Landschaftsbild zum nächsten. Natürlich wirken Hirsche und Rehe in einem Buchenhain authentischer als Kängurus oder Hyänen; doch auch Antilopen und Zebras scheinen sich in den kleinen "englischen Gärten" unter Linden, Buchen und Akazien wohl zu fühlen. Beim Versuch, mit landschaftsgärtnerischen Mitteln Tieren aus aller Welt eine Ersatzheimat zu geben, lassen sich also existenzielle Konflikte weitgehend vermeiden, doch jede architektonische Annäherung, jeder Versuch, Wildtiere in gebauten Käfigen oder in prächtigen Hallen zu behausen und auszustellen, hat im Ansatz etwas Gewaltsames. Die wechselvolle Geschichte des Bauens in Hellabrunn ist ein Zeugnis für den Wandel des Naturverständnisses im 20. Jahrhundert und gleichzeitig eine kleine Revue architektonischer Moden in der Moderne.

Der einzige Bau aus den Gründertagen des Tierparks, der alle Schließungen, Zerstörungen und Umbaumaßnahmen glücklich überstanden hat, ist das "maurisch" kostümierte Elefantenhaus von Emanuel von Seidl aus dem Jahr 1914, ein denkmalgeschütztes Pionierwerk der Wölbetechnik in Beton. Die kühn geschwungene, 18 Meter hohe gläserne Zirkuskuppel und die vier apsisartigen Ecktürme haben den mächtigen Bewohnern immer vergleichsweise luxuriöse Raumverhältnisse geboten. Auch heute noch hält die mit Pflanzen durchsetzte Halle den kritischen Blicken der Tierschützer stand.

Ein anderes theatralisches Arrangement aus den Tagen des Spätkolonialismus hat die Zeiten nicht überdauert: Das Löwenhaus, das sich mit einem säulengewaltigen "Aida"-Bühnenbild zum Publikum hin öffnete, den "König der Tiere" also zum Statisten in einer pompösen Inszenierung machte, wurde bei einer der letzten Renaturierungsmaßnahmen abgerissen und durch ein dschungelhaft verwachsenes Biotop ersetzt, auf dessen Hängebrücken der kleine Panda herumturnt. Die Löwen haben nun vor dem neuen Tropenhaus auf einer naturhaft geformten grünen Insel ihren Auftritt.

Das wie ein Zelt mit transluzenten Folien überspannte Tropenhaus führt die neuen Erkenntnisse in der Zoo-Architektur eindrucksvoll vor. In der natürlichen Helligkeit unter der lichtdurchlässigen wärmenden Hülle ist innerhalb weniger Jahre ein dichter Dschungel herangewachsen, in dem die Stimmen der Vögel ihre Magie zurückgewinnen und die Tiere am Boden ihr Versteckspiel treiben können. Wie bestimmend die Pflanzenkulisse für den Eindruck der Besucher - und wohl auch für das Wohlbefinden vieler Tiere - ist, lässt sich im Nashornhaus jenseits des Mühlkanals erleben. Dort bringt ein breites Glasband auf dem Dach zwar einige Helligkeit in die Halle, doch da die Gläser das UV-Licht nicht durchlassen, verkümmern die in Töpfen gepäppelten Pflanzen erbärmlich.

Am grausamsten hat der architektonische Zeitgeschmack in den 70er Jahren am Polarium zugeschlagen. Im modischen Sechseck-Stil, in dem damals sämtliche Verwaltungsbauten hochgezogen wurden, hat Peter Lanz aus Beton die "Eisschollen" für die Eisbären und die "Felsnischen" für die Pinguine modellieren lassen. Das Ganze wirkt heute wie eine klinisch kalte, stereometrisch-abstrakte Großskulptur, in die aus Versehen Tiere geraten sind. Hier soll in den nächsten Jahren die Natur wenigstens in Andeutungen wieder Einzug halten.

Nach diesem schroffen Triumph der Geometrie über das organische Leben hat Jörg Gribl als Generalplaner in den 80er Jahren eine neue Architektur für Hellabrunn entwickelt, die den Bedürfnissen der Tiere wie der Menschen gerecht zu werden versucht. Unter seiner Leitung sind einige Neubauten entstanden, die ihre Qualitäten gerade durch ihre architektonische Zurückhaltung beweisen. Das von außen weit gehend zugewachsene Halbrund des neuen Affenhauses mit seinen gitterlosen, hellen Innenräumen und den Kletterinseln draußen im Teich unterscheidet sich wohltuend vom alten Affen-Exerzierhof und seinen engen, finsteren, orange gekachelten Käfigen. Die guten Erfahrungen, die man in diesem Haus gemacht hat, hat Herbert Kochta dann im großen Maßstab auf die Menschenaffenstation im neuen Urwaldhaus anwenden können. Dort tun sich hinter Glaswänden hohe, weite Räume mit teilweise üppigem Grün auf. Dem Gorilla-Männchen, das dort haust, scheint es sichtlich Spaß zu machen, die Menschen hinter den Scheiben mit zusammengekehrten Steinchen zu bewerfen.

Die eigentliche architektonische Sensation ist aber das fast immateriell über der Natur schwebende Volierenzelt, das einer wunderbar vielfältige Lebensgemeinschaft zur Heimat geworden ist. Frei Otto, der Konstrukteur des Olympiazelts, hat es zusammen mit Jörg Gribl konstruiert und zu einem Wunderwerk der Transparenz und der Leichtigkeit verfeinert. Mit diesem Haus aus Luft, dieser faltenlosen Hülle hat Hellabrunn nicht nur Zoogeschichte, sondern auch Architekturgeschichte geschrieben.

Leser empfehlen