Theater Vermisst

Die 18-jährige Fanny Rösch hat ein Stück über Mädchen geschrieben, die sich dem Islamischen Staat anschließen. In einem beeindruckenden Soloauftritt hat sie es nun beim Münchner Schultheaterfestival vorgestellt

Von Jutta Czeguhn

Rosalies Augen glänzen. "Jetzt fängt das Leben an!" Die nagende, lähmende Angst ist weg. Sie hat endlich Mut und schreit es hinaus. Alles wird sie nun hinter sich lassen, diese Welt, die "viel zu voll ist mit Freiheiten". Das Mädchen greift nach der Matratze am Boden, schleudert sie unter schwerem Ächzen von sich weg. Dann zieht Rosalie ein Teppichmesser und zerfetzt in einem Anfall unbändiger Wut die Steppdecke. Allen wird sie es zeigen, allen. Für jede Demütigung, für jedes Übersehenwerden einen Stich mit der Klinge. Da, und da, und noch einen. Bis zur Erschöpfung traktiert Rosalie den Stoff.

Anfangs hat sie sich schwer damit getan, starke Emotionen auf der Bühne zu zeigen. Fanny Rösch sitzt am Bühnenrand in der Wagenhalle der Pasinger Fabrik. Es sind nur wenige Stunden, dann wird sie dort ihr Stück "Anriss" spielen. Nervös? Ach ja, ein bisschen, sagt sie. Die 18-Jährige, klare Augen, ein blasses Gesicht mit feinen Zügen, blonder Pony, wirkt konzentriert und ruhig. Auch wenn sie mit den Händen redet und ein Haargummi zwischen den Fingern knetet. Eben hat sie ihren Text noch mal in den leeren Saal gesprochen. Man hat sie eingeladen zum 33. Münchner Schultheaterfestival, bei dem normalerweise die Ensemblearbeit im Vordergrund steht. Fanny Rösch aber ist Solistin. Sie hat alleine das Skript verfasst, spielt alle Rollen, die Rosalie und irgendwie sich selbst, die Erzählerin. Die Regie allerdings, die hat sie in die Hände ihrer Freundin Elinor Haftel gegeben. Die war auch schon einmal bei den Schultheatertagen, mit dem Monolog "Radio noir" von Albert Ostermaier, auch so ein Weh-tu-Stück, weit jenseits jeder Komfort-Zone.

Wie die Night-Talkerin in Ostermaiers Monodrama ist auch Rosalie eine "angerissene", waidwunde Seele, die Halt sucht. Sie könnte auch Elif heißen, wie jene 16-Jährige aus Neuried, die im Februar 2015 verschwindet, über die Türkei nach Syrien reist und sich dort dem Islamischen Staat anschließt. Fanny Rösch hat damals in der Zeitung darüber gelesen. Elifs Schicksal hat sie tief bewegt. Wie kann eine, in etwa so alt wie sie selbst, so einen Schritt gehen? Sie will das verstehen. "Ich habe also angefangen zu recherchieren, mit Leuten zu sprechen, im Internet zu suchen. Ich bin da total reingerutscht", erzählt Fanny Rösch. Über Blogs gelangt sie auch auf an sich gesperrte Seiten des IS. Und bekommt Angst vor dem, was sie da liest und davor, wie sehr sie das alles beschäftigt. "Ich habe geträumt davon, meine Familie und Freunde haben das mit bekommen und gesagt, so, Fanny, jetzt hör auf damit."

Aufgehört hat sie nicht, sondern ein Stück geschrieben, über ihre Recherche und die fiktive Figur Rosalie, die dem IS verfällt. Sie hat diese Geschichte als dramatische Jahresarbeit in der zwölften Klasse an der Schwabinger Rudolf-Steiner-Schule abgegeben. "Andere bauen einen Tisch oder Fotos als Jahresarbeit, ich eben dieses Stück". 17 Skript-Seiten, 40 Minuten intensives Spiel, "denn Schauspielerin wollte ich schon immer werden", erzählt Fanny Rösch, die an ihrer Schule Theater spielt, aber auch schon im Programm "Junges Resi" auf der Bühne des Münchner Residenztheaters gestanden hat. Nach dem Abitur will sie sehen, was kommt. "Vielleicht Regie, das ist fast noch interessanter."

Ein paar Stunden sind vergangen, die Wagenhalle der Fabrik füllt sich beständig. Die Zuschauer klettern zu ihren Plätzen, ohne Fanny Rösch zu bemerken. Die sitzt versunken in die Lektüre einer Zeitung am Bühnenrand. Dann gehen die Saallichter aus, es wird ruhig, und sie beginnt, laut vorzulesen, von Elifs Verschwinden, von der großen Frage nach dem "Warum". Figuren auf Papier aus Wörtern, Sätzen, Grammatik zu formen, ist eine delikate Angelegenheit. Ebenso, sie durch Stimme, Gesten, den eigenen Körper lebendig werden zu lassen. Fanny Rösch gelingt beides auf erstaunlich hohem Niveau. Sie hat keine Scheu, ihrem Publikum Intelligenz zuzutrauen und Erwartungen zu unterlaufen. Die Sprache, die sie für Rosalie und die Erzählerin findet, ist poetisch, dabei auch direkt und ohne Pathos. Die theatralischen Mittel, die sie sich zusammen mit Elinor Haftel erarbeitet hat, sind von einer pragmatischen Schlichtheit wie das Bühnenbild selbst, jene armselige Matratze, die später Rosalies Wut zum Opfer fällt. Auch der Rollenwechsel zwischen Rosalie und der Erzählerin scheint ihr ganz leicht zu gelingen; Fanny Rösch braucht nur ihren Mantel ablegen, dann wird sie zu Rosalie.

Emotional sei dieser Seelen(s)trip nicht ganz so leicht zu meistern, räumt die junge Schauspielerin ein. Das Publikum merkt davon allerdings nichts. Rosalie liegt auf der Matratze und heult. Sie starrt auf ihr stummes Smartphone: "Kein Anruf, keine Sms, kein Whatsapp, kein Facebook, ich hasse dieses Handy!" Was das Publikum über Rosalie erfährt, ist fast schon zu niederschmetternd: Keine Freunde, die Eltern kümmern sich kaum, hinterlassen nur seelenlose Notizen ("Kauf dir was zu essen und bring die Pfandflaschen weg"). Die Oma, die Rosalie in ihrer Verzweiflung anruft, ist schwerhörig oder schon dement. Hier tickt eine Zeitbombe.

Fanny Rösch zieht den Mantel an, ist nun wieder die Erzählerin. Auch sie wird dem Publikum aber nun zunehmend unheimlich. Eine Leinwand wird über der Bühne ausgefahren, Nachrichten-Filmschnipsel über den IS flackern in rasantem Tempo vorbei. Kommentiert von der Erzählerin, die hysterisch, atemlos in ein Mikro brüllt, Wortfetzen, die von der Saaltechnik mit Hall unterlegt werden. ". . . die Frauen des IS . . . Propaganda . . . Radikalisierung. . ." Dann ein erschöpftes "Ich kann nicht mehr". Fanny Rösch lässt nun Rosalie die Regie ihrer Geschichte übernehmen. Sie hat einen Jungen kennengelernt, einen, der sie endlich wahrnimmt, dem sie nach Syrien folgen wird. Sie wird das letzte, ein wütendes, selbstbewusstes Wort haben und einfach gehen.

Später wird Fanny Rösch vom Publikum gefragt werden, ob sie nun eine schlüssige Antwort gefunden hat, warum Mädchen wie Rosalie, wie Elif verschwinden. Bescheiden wird sie nein sagen. Beste Voraussetzung für gutes Theater.