Theater im Pathos Alle mal herschauen: Auch Behinderte haben Sex - und genießen ihn

Hemmungen müssen erst abgelegt werden: Danijel Sesar und Sexualbegleiterin Deva Bhusha in "Fucking Disabled".

(Foto: Robert Haas)

Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit Behinderungen anderer umgehen sollen. Die Performance "Fucking Disabled" widmet sich diesem Thema nun auf sehr offene Weise.

Von Christiane Lutz

Sex an sich ist ja schon kompliziert. Besonders beim ersten Mal mit einem neuen Menschen. Wo drücken? Wo lieber sanft anfassen? Wenn's gut läuft, kann man gemeinsam lachen, wenn nicht, ist es schnell peinlich. Jetzt stelle man sich vor, der andere Mensch sitzt im Rollstuhl. Dann bekommen die Fragen "Wo drücken? Wo lieber sanft anfassen?" sofort eine sorgenvolle Komponente. Sex und Behinderung geht für viele Menschen nicht zusammen. Weil Sex von Entfesselung lebt und Behinderung für Unerfahrene im Kopf meist mit Vorsicht, mit Krankheit gar verbunden wird und somit beinahe ein Widerspruch zu Sex ist.

Auch Lucy Wilke hat ihre Erfahrungen mit überforderten Liebhabern gemacht. Ob sie da unten überhaupt was spüre, fragte einer. Ob sie überhaupt Lust auf Sex habe. Lucy Wilke, 32, sitzt im Rollstuhl, und hat sehr wohl Lust auf Sex. Und weil es sie nervt, dass sie das immer wieder erklären muss, ist sie jetzt Teil von "Fucking Disabled", einer Performance im Pathos-Theater, "über Lust, Schönheit und Begegnung jenseits der Norm", wie es in der Beschreibung heißt. "Fucking Disabled", also: vögelnde Behinderte.

Eine Mogelpackung

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Diesen offenherzigen Titel wollte der Regisseur David von Westphalen für seine Performance. Seit er am Volkstheater vor etwas mehr als einem Jahr eine Revue mit Behinderten machte, wollte er unbedingt an das Thema Sex und Behinderung ran. Denn er hatte festgestellt, dass er selbst im Umgang mit Behinderten häufig jene Unsicherheit spürte, die er an anderen kritisierte. Er rückt raus: "Und als ich Lucy kennen gelernt habe, war ich total fasziniert. Von ihrem Sexappeal." Sie musste also unbedingt mitmachen.

Der Regisseur holte dann noch Danijel Sesar dazu, einen Schauspieler mit spastischer Lähmung, sowie Deva Bhusha, die unter anderem als Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderung arbeitet. Der vierte Darsteller ist der Tänzer Paweł Duduś. Jetzt sitzt Lucy Wilke also im verdunkelten Raum der Pathos-Ateliers auf der Probe, sie trägt einen ausladenden, blauen barocken Reifrock über dem Rollstuhl, der sie wie eine fahrende Marie Antoinette aussehen lässt. Vor ihr ein Heizstrahler, den braucht sie, weil sie schnell friert. Spinale Muskelatrophie heißt die Muskelkrankheit, mit der sie geboren wurde. Paweł Duduś, ebenfalls in barockem Zwirn, schleicht um sie herum.

"What do you think of me? Haven't you ever seen a woman before?", fragt Wilke, langsam an dem noch nicht anwesenden Publikum vorbei fahrend, Augenkontakt suchend. Sie will ihn verführen, Duduś gerät ins Straucheln: "You're the most beautiful of all disabled women I've ever seen", stottert er. Du bist die schönste behinderte Frau, die ich je gesehen habe. Er meint das als Kompliment. Die Szene ist ein Zitat aus "Die Reifeprüfung" mit Anne Bancroft und Dustin Hoffmann aus dem Jahr 1968.

Damals bestand das Tabu darin, dass eine verheiratete Frau, die berühmte Mrs. Robinson, den wesentlich jüngeren Benjamin verführt. Wie Benjamin höflich bis verzweifelt versucht, seine offensichtliche Erregung zu unterdrücken, weil es "falsch" wäre, sich auf Mrs. Robinson einzulassen, wurde Filmgeschichte. Bei "Fucking Disabled" liegt das Tabu darin, dass die Frau im Rollstuhl sitzt und der Mann nicht weiß, ob es ihm, erstens, gestattet ist, sie sexuell zu begehren und wie, zweitens, er es überhaupt anstellen soll, mit ihr zu schlafen.

Die Schauspieler und ihr Regisseur nahmen sich viel Zeit für die Proben. Sie besuchten einen Tantra-Workshop und sprachen über ihre Ängst und Erfahrungen. Wenn es um Flirten und Sex geht, hat schließlich jeder Geschichten parat. Lucy Wilke aber erzählte von Männern, die sie häufig nicht als begehrenswerte Frau wahrnehmen oder die sich gar nicht erst trauen, sie begehrenswert zu finden. Einmal sprach sie in der U-Bahn ein Mann an, wie hübsch sie doch sei. Und wenn sie nicht im Rollstuhl säße, würde er sie doch glatt nach ihrer Nummer fragen.

"Gut, dass du es nicht getan hast", konterte sie, "du hättest sie nämlich nicht bekommen." Schlagfertigkeit musste Wilke erst lernen. Flirten auch. "Wenn man dann erst mal so weit ist, dass man weiß, man mag sich, ist es nicht mehr schwierig." Dann stehen nur noch die "praktischen Hindernisse" im Weg. Aber praktische Probleme sind bekanntlich leichter zu lösen als emotionale.

Negligés und Bodys waren zu unpraktisch

Lucy und Paweł, die sich auch im Stück so nennen, liegen jetzt auf einer Matratze im Schummerlicht. Vorsichtig hatte er sie aus dem Rollstuhl gehoben und abgelegt. Das haben sie so lang geübt, bis sich beide sicher fühlten. Er küsst sie, er zieht sie aus. Man sieht fast alles. Der Zuschauer wird sich fragen müssen: Darf ich da hinschauen? Wo er doch gelernt hat, behinderte Menschen bloß nicht übermäßig anzuglotzen. Natürlich ist dieses Dilemma gewollt.

Für Lucy Wilke war diese Szene nicht einfach. "Am Anfang der Proben habe ich noch versucht, irgendwas zu kaschieren", sagt sie. Sich beinahe komplett vor Publikum auszuziehen, war auch für sie neu, obwohl sie als Sängerin häufig auftritt und auch nicht das erste Mal Theater spielt. Sie probierten mit Negligés und Spitzenbody. Viel zu unpraktisch. "Irgendwann war es mir egal. Wenn ich mich entscheide, das zu spielen, will ich meinen Körper zeigen, wie er ist."

Der Regisseur David von Westphalen sagt: "Es geht ums Gesehenwerden. Sich zeigen. Zurückschauen." Er erhofft sich durch die Performance Selbstheilung. Und, das gibt er zu, auch Heilung der Zuschauer vor dieser unnötigen Scham. Das Medikament seiner Wahl: einfach zeigen. Die Hemmung, die Überwindung der Hemmung, die Intimität, die Sinnlichkeit und eben auch die Körper.

Fucking Disabled, Uraufführung, Freitag, 2. Juni, 20.30 Uhr, Pathos Ateliers

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