Teure Mieten Leben wie ein König statt wie ein Käfighuhn

Traurige Städter, fröhliche Menschen vom Land: Während man in München beengt lebt, lockt das Fichtelgebirge mit jeder Menge Freiraum.

(Foto: Robert Haas)
  • Mit einer provokanten Performance wirbt der Landkreis Wunsiedel für das Fichtelgebirge als Wohnort.
  • Die Region lockt damit, für vier bis acht Euro pro Quadratmeter eine ordentliche Bleibe zu bieten.
  • Einer der Gründe für die Aktion ist der Fachkräftemangel in der Region.
Von Wolfgang Görl

Ach herrje, was sind die Münchner doch für arme Tröpfe! An diesem Mittwochvormittag ist das mal wieder zu besichtigen, just vor der Alten Akademie, einem der exquisitesten Spekulationsobjekte der Stadt. Zu sehen ist eine junge Frau, die, auf einer roten Decke kauernd, im Inneren eines Glaswürfels von einem Meter Kantenlänge ein verdammt beengtes Dasein fristet. "Wohnen in München" steht auf dem Würfel, weshalb die Vermutung nahe liegt, bei diesem erschreckenden Beispiel von Käfighaltung menschlicher Individuen handelt es sich um einen beinharten Protest gegen die hiesige Wohnungsnot.

Aber so ist es nicht. Da steckt etwas ganz anderes dahinter. Was, das erfahren die Passanten, die sich um das seltsame Szenario scharen, beim Blick auf einen zweiten gläsernen Würfel, der direkt daneben steht. Dieser hat eine Kantenlänge von zwei Metern, mithin hat er das achtfache Volumen, und da könnte man glatt ein Pferd darin parken. Tatsächlich hat sich dort eine weitere junge Dame eingenistet, schön gemütlich auf einer Liege nebst Leselampe, Teppich und Beistellmöbel. Auch diese Wohlfühlkammer ziert eine Aufschrift: "Wohnen im Fichtelgebirge."

Für Münchner Lokalpatrioten ist das natürlich starker Tobak, denn die Botschaft ist ja nicht misszuverstehen: In München lebt ihr wie ein Käfighuhn, im Fichtelgebirge aber wie ein kleiner König. Verantwortlich für diesen kühnen Vergleich ist der Landkreis Wunsiedel, der mit Guerilla-Marketing-Aktionen wie dieser vom urbanen Leben entnervte Stadtmenschen ins schöne Fichtelgebirge zu locken versucht.

Dass man dort schon längst nicht mehr hinter dem Mond ist, zeigt die Raffinesse ihres Lockangebots: Es setzt genau da an, wo Münchens größter Schwachpunkt ist. Beim Wohnen. Für vier bis acht Euro pro Quadratmeter, sagt Landrat Karl Döhler (CSU), kriegt man in der oberfränkischen Bergregion schon eine ordentliche Behausung. In München, darf man hinzufügen, gibt's dafür keine Hundehütte.

Landrat Döhler ist mitsamt seiner Kampagnentruppe, die unter dem Titel "#freiraumfürmacher" in fremden Revieren wildert, eigens ins boomende München gefahren, um für seinen Landkreis zu werben. Im Fichtelgebirge, sagt er, hat sich der Wind gedreht. Nach drei Jahrzehnten eines verheerenden Strukturwandels, in denen die heimische Industrie, etwa die Glas- und Porzellanfabrikation, in die Krise geriet und die Menschen scharenweise abwanderten, gehe es mittlerweile wieder aufwärts. Die Unternehmen hätten Tritt gefasst, neue Branchen seien hinzugekommen, junge Startups und innovative Betriebe. Rund 3000 Arbeitsplätze seien allein in jüngster Zeit hinzugekommen. Woran es allerdings noch mangelt, ist qualifiziertes Personal. "Wir suchen Facharbeiter", sagt Landrat Döhler.

Die sollen nun von woanders her kommen, zum Beispiel aus München. Und an dieser Stelle setzt Döhler zu einem ganz hundsgemeinen rhetorischen Manöver an: "Wir können nicht alles bieten. Wir bieten keine Staus, keine schlechte Luft, keine teuren Immobilien, keine überfüllten S-Bahnen. Wir bieten schnelle Wege zur Arbeit, tolle Freizeitmöglichkeiten, günstige Wohnungen, keine Wartezeiten für Kindertagesstätten, Bildung und Natur."

Schon wahr, das klingt verlockend, und vielleicht ist dies der Moment, in dem die große Abwanderungswelle aus München beginnt. Schon vor einigen Jahren hatte die Stadt Mühldorf mit einer ähnlichen Kampagne die Münchner umworben, zu einem Massenexodus ist es freilich nicht gekommen. Aber wer weiß: Die Glaswürfel-Aktion in der Fußgängerzone hat gewiss Eindruck gemacht. Sogar chinesische Touristen haben die Würfel fotografiert, und man möchte gar nicht wissen, was sie zu Hause über die Münchner Wohnungsmisere erzählen. Die könnte sich jetzt entspannen, wenn zumindest jeder zweite Münchner ins Fichtelgebirge zöge. Wunsiedel wird dann allerdings unerschwinglich.

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