Terrorwarnung Wie München Silvester im Zeichen des Terrors erlebte

(Foto: Robert Haas)

Während die einen trotz Terrorwarnung wie gewohnt feiern, spielen sich an anderen Orten gespenstische Szenen ab. Eindrücke aus der Stadt.

Von SZ-Autoren

Am Morgen danach sieht es am Hauptbahnhof aus wie immer. Die ersten Reisenden ziehen ihre Koffer hinter sich her, an den Eingängen steigen Passagiere aus Taxis. Nur ein rot-weißes Absperrband auf der Nordseite des Gebäudes gibt noch einen vagen Hinweis auf die Ereignisse der Nacht.

Die Warnung erreicht die Polizei gegen 19.40 Uhr, die Öffentlichkeit gegen 23 Uhr. Sie ist so konkret, dass die Polizei handeln muss: Um Mitternacht soll es einen Terroranschlag in München geben. Mögliche Ziele: der Hauptbahnhof und der Bahnhof in Pasing. 550 Beamte werden mobilisiert, sperren die Bahnhöfe ab, sollen für Sicherheit sorgen. Via Twitter hat die Polizei die Bevölkerung gebeten, Menschenansammlungen zu meiden (die Ereignisse der Terrornacht zum Nachlesen finden Sie hier).

Während die einen trotz Warnung wie gewohnt ins neue Jahr feiern, spielen sich an anderen Orten gespenstische Szenen ab. Eindrücke aus der Stadt:

Pasinger Bahnhof

Gegen 22 Uhr am Pasinger Bahnhof. Die S-Bahn Richtung Tutzing spuckt eine Gruppe Operngeher aus, die aus der "Fledermaus" kommen (hier eine Operettenkritik) und nun zum Silvester-Menu nach Hause eilen, auch Jugendliche und Familien steigen die Treppen zum zentralen Fußgängertunnel hinab. Eine gelöste Stimmung, die unten sofort umschlägt: Ein Dutzend Männer in Kampfmontur mit Maschinengewehren im Anschlag kommt den Tunnel entlang. Die Gespräche der Passanten verstummen, die Gesichter der Bewaffneten sind ernst und angespannt, das Szenario bizarr, niemandem ist zum Scherzen zumute.

Am Nordausgang des Bahnhofs weitere Polizisten mit Schusswesten und Maschinengewehren, USK steht auf ihren Westen. Fünf Meter von ihnen entfernt in der kleinen Pizzeria sieht man durch die bogenhohen, angelaufenen Glasfenster die Leute essen und feiern. Auch die Menschen in der Pasinger Fabrik direkt am Bahnhof, deren Fassade seit November in den französischen Nationalfarben leuchtet, wissen nichts vom Terroralarm. Dort gibt es zu Silvester eine Hildegard-Knef-Revue.

Hauptbahnhof München

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Der Münchner Hauptbahnhof bietet in der Silvesternacht ein gespenstisches Bild. Eines, das man aus der Stadt nicht gewohnt ist. Überall an den Eingängen flattern rot-weiße Absperrbänder, niemand kommt hier durch. Mit Maschinengewehren bewaffnete Polizisten patrouillieren davor. Bei aller Unklarheit und Unsicherheit, die um kurz nach Mitternacht für alle herrscht, bleiben die Einsatzkräfte extrem ruhig und professionell. Sie verbreiten keine Hektik, sondern weisen die Menschen ruhig an, weiterzugehen, nicht näherzukommen. Fragen werden nicht beantwortet. Wie auch? Es weiß zu diesem Zeitpunkt ja wohl niemand Genaueres.

Tollwood-Festival auf der Theresienwiese

Unweit des gesperrten Hauptbahnhofes befindet sich die Theresienwiese, wo derzeit die Zelte des Tollwood-Festivals stehen. Schon eine gute halbe Stunde vor Mitternacht haben die Menschen zu böllern begonnen. Tausende feiern ins neue Jahr - und wirken dabei relativ entspannt. Die Security-Kräfte haben von der Polizei keine spezielle Gefahrenmeldung für das Gelände erhalten. "Deshalb mache ich ganz normal weiter", sagt einer der Sicherheitsmänner. Auch nach Mitternacht wird dort noch gefeiert - friedlich und unter lautem Geböller. Es dürfte eine der größten Menschenansammlungen in dieser Nacht in München sein.

Schwabing

Man kann es ja auch als beruhigendes Signal betrachten: Anders als gedacht checkt doch nicht die ganze Menschheit im Sekundentakt das Smartphone. Anders ist nicht zu erklären, was um Mitternacht und kurz danach auf den Straßen in Schwabing los ist. Es wird geböllert und Feuerwerk in die Luft gejagt, dass Atemholen keine gute Idee ist. Im Dunst aus Nebel und Feinstaub hier mit dem Fahrrad vorwärtszukommen, ist fast unmöglich. München feiert Neujahr, dass es nur so kracht. Keine zehn Minuten vom Hauptbahnhof entfernt.

Haidhausen

In Haidhausen warnt die Wirtin einer Kneipe jeden neu eintretenden Gast, dass Terroristen in der Stadt seien. "Weiß jemand, wo?", fragt eine Dame in Rot. Smartphones werden gezückt, jeder sucht nach Antworten (Infos "Was wir wissen, was wir nicht wissen", finden Sie hier).

Isarvorstadt - Reichenbachbrücke

"Haste mal einen Böller?", fragt ein Mann, geht von Gruppe zu Gruppe am Brückenrand. Der einsame, junge Kerl wirkt schon ziemlich betrunken. Der Kiosk an der Reichenbachbrücke verkauft in dieser Nacht durchgängig Alkohol, sonst gibt es das dort nicht. Im Nebel aber macht das Brückenstehen und Böllern doch nicht so richtig Spaß, weshalb man in der U-Bahn schon kurz nach ein Uhr nachts noch junge Menschen mit Rucksäcken sehen kann, aus denen Bündel langer Holzstäbe ragen, die Insignien des Feuerzaubers, ungenutzt.

Isarvorstadt - Kapuzinerstraße

Durch die Kapuzinerstraße jagt eine Polizei-Kolonne, mit Blaulicht, Sirene, Mannschaftswagen. Es ist 23.40 Uhr. Hunderte von Menschen streben auf die Isar-Brücken zu. Keiner dreht jetzt um und geht nach Hause. Es ist fünf Minuten vor zwölf, als die Ersten überhaupt mitkriegen, dass dies keine normale Silvesternacht ist. Dabei ist die Nachricht längst in der Welt und hat sich über München hinaus verbreitet. Dario Gambarin, ein Italiener, der zum Feiern nach München gekommen und nun auch mit Freunden an der Isar gelandet ist, hat einen Anruf auf seinem Handy aus Rom bekommen. Besorgte Frage: Ist bei Dir alles in Ordnung?

Da explodiert bereits die Wittelsbacherbrücke, im Raketenregen. Im Isar-Bett brennen rote bengalische Feuer. Ein Kanonenschlag explodiert. Der Kracher ist so laut, dass ein Mensch mit empfindlichen Nerven oder Kriegserfahrung jetzt tatsächlich an eine Bombe denken könnte.

Gambarin, der Italiener, hat da schon Schutz an einer Hausmauer gesucht. Nebel legt sich über den Fluss, der Dunst zieht so schnell auf und wird rasch so dicht, dass es ein bisschen gespenstisch wird. Im Fall einer Panik könnte man sich glatt verirren.

Altstadt

Im Marienplatz Untergeschoß herrscht weit nach Mitternacht noch Partystimmung. Viele der neuen Café-Bars dort sind geöffnet. Auch ein Gruppe von Afghanen ist da, sie feiern ihr erstes neues Jahr in Deutschland. Die jungen Männer stehen dicht zusammen, wirken ein wenig scheu, tragen dünne Stoffjacken, es ist ja nicht kalt in dieser Nacht. Sie haben ihre Kopfhörer im Ohr. Wissen Sie, dass München sich gerade vor dem Terror fürchtet? Am Hauptbahnhof? Dem Symbolort der deutschen Willkommenskultur. Die jungen Männer sprechen nur ihre eigene Sprache.

Die Ansagen im U-Bahnhof gibt es auf Deutsch. Alle paar Minuten: der Hauptbahnhof wegen eines Polizeieinsatzes gesperrt. Züge halten dort nicht. Aber U- und S-Bahnen fahren, sagt die Stimme. Das Gedränge auf dem Bahnsteig ist groß, kommt ein Zug, will jeder sofort rein. Keiner mag laufen, keiner hat Angst, und wenn, dann zeigt er es nicht.

Die wichtigste Antwort liefert die Polizei am späten Vormittag des 1. Januar: Die akute Terrorwarnung für München ist aufgehoben (Infos zur Polizei-PK finden Sie hier).

München am Neujahrstag

Die Menschen lassen sich anscheinend von der Terrorwarnung nicht einschüchtern. Bereits am Mittag des Neujahrstages treffen sich mehr als tausend Menschen auf dem Marienplatz.

An Neujahr stehen am Mittag um 12 Uhr mehr als tausend Menschen, fast alle starren gebannt nach oben, einige stehen mit glasigem Blick und Bierflasche in der Hand am Abgang zur U-Bahn. Minuten später beginnen sich am Rathausturm die Figuren im Kreis zu drehen, als das Münchner Glockenspiel "O Tannenbaum" erklingen lässt, applaudiert die Menge. Es ist, als ob es eine Terrorwarnung in der Nacht nicht gegeben hätte. Ein Mannschaftswagen der Polizei schiebt sich in Schritttempo durch die Touristenmenge. Die Beamten haben zuvor den Platz genau beobachtet und nach verdächtigen Personen Ausschau gehalten. Sie rücken ab, hier können sie derzeit nichts tun.

Pasinger Bahnhof

Es ist gegen 8 Uhr. Vor dem Haupteingang steht ein Kastenwagen der Polizei. Nur wenige Menschen sind unterwegs, hinter dem Tresen der Bäckerei Rischarts stehen drei Verkäuferinnen und bedienen die wenigen Kunden. Man tauscht Neujahrswünsche aus, das Wort "Wahnsinn" fällt, aufmunternde Blicke. Ein Mann mit zwei großen Plastiktüten trinkt seinen Kaffee aus und schlurft davon. Im Fußgängertunnel patrouillieren zwei Polizeibeamte. Ein Nachtschwärmer-Pärchen eilt zum Zug.

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