Kandidaten für den Tassilo 2018 Zauberflöte mit O₂-Tower

Sarastro (Frits Kamp) beschwört die Götter Isis und Osiris, aus der Zauberflöten-Produktion von 2014.

(Foto: OH)

"Das schafft ihr nicht!", hieß es vor zehn Jahren. Mittlerweile haben Norbert Kästle und die Mitstreiter von "Moosach macht Oper" sechs große Produktionen auf die Bühne gebracht. Laien und Profis treten gemeinsam auf.

Von Anita Naujokat

Mitunter ist Norbert Kästle schon einmal im Garten zu sehen, wie er an Leisten und Bühnenbildern herum zimmert. Das ist ganz praktisch, weil sich der Produktionsleiter von "Moosach macht Oper" dann gleich mit Günther Frohnauer, den Vorsitzenden des Kulturvereins "Die Linie 1", quasi über den Zaun hinweg austauschen kann. Kästle ist nicht nur ehrenamtlicher Produktionsleiter des Stadtteil-Kulturprojekts, er ist dessen Herz, Hirn und Motor.

"Das schafft ihr nicht!", hatten er und Frohnauer sich noch vor der ersten Inszenierung 2008 von "La Cenerentola" (Aschenputtel) nach Gioacchino Rossini vom Kulturausschuss des Stadtrats anhören müssen, als sie versuchten Fördermittel zu bekommen. Mittlerweile sind aus dem ehrgeizigen und ehrenamtlich gestemmten Projekt sechs große Produktionen vor ausverkauften Sälen geworden, die zum Teil auch beim Theatron im Olympiapark, im Gasteig und im Umland zu sehen waren: Auf Aschenputtel folgten "Hänsel und Gretel" (2009), "Der kleine Horrorladen" (2011), "Die Zauberflöte" (2014), Bachs Weihnachtsoratorium (2015), "My Fair Lady" (2016). Dazwischen funktionierten Kästle und sein Team die damals noch bestehende U-Bahn-Baustelle kurzerhand als Kulisse in ein temporäres Opernhaus um, wo sie Beethovens "Fidelio" (2009) als Einspielung aus dem Royal Opera House "Covent Garden" in London aus dem Jahr 1991 zeigten. Auch die Castings, in denen sich Sänger und Musiker für die großen Stücke bewarben, nutzte Kästle kulturell, aus dener er später Best-ofs der Nachwuchstalente (2009, 2013) präsentierte.

Die Produktionen sind alle von der Idee beseelt, Profis und Laien gemeinsam auf der Bühne spielen zu lassen und viele Menschen aus dem Stadtbezirk einzubinden. In Leistungskursen der Schulen sollten Kostüme entstehen, Grundschüler die Plakate entwerfen. Gerade Laien gibt das Projekt die Möglichkeit, eine Produktion von Anfang bis Ende miterleben und mitgestalten zu können. Aus anfänglichen Amateuren sind so manchmal auch später Profis erwachsen. Einzig ein harter Kern für Design und Technik ist von der ersten Produktion an dabei. Und alle Opern und Musicals zeichnen sich durch ihren Stadt(teil)bezug aus. Professor Higgins aus My Fair Lady hat sein Studio an der Pelkovenstraße, und in den Bühnenbildern für die Zauberflöte hat der südafrikanische Architekt und Maler Anton Barnard Tore aus der Borstei, den O₂-Tower und den Kirchturm von Sankt Martin miteingebaut.

Der Initialfunke für "Moosach macht Oper", es ist nur eines von drei Projekten des Kulturvereins, ging von Bizets "Carmen" aus. Kästle zeigte die Oper vor elf Jahren als Videoproduktion vor der historischen Kulisse des Kultur- und Bürgerhauses Pelkovenschlössl. 350 Menschen strömten auf den Sankt-Martins-Platz "Für schweineteures Geld hatten wir einen Beamer ausgeliehen, der quietschte und hatten voll das Wetterrisiko", erzählt Kästle. Doch es ging alles gut. Die spanische Deko und das spanische Essen versanken nicht im Regen und keine Wassertropfen nässten die Kostüme der Flamencotruppe ein. Damals sei man noch mit dem Hut gerumgegangen. Derart inspiriert, wollte Kästle als nächstes den Märchenopernfilm Hänsel und Gretel im Pfarrheim zeigen, bis ihm und Frohnauer die "verrückte Idee" packte, Humperdincks Oper selbst zu inszenieren, um Fördermittel der Stadt und der Kulturstiftung Stadtsparkasse erhalten zu können. Für "verrückt" hält sich Kästle seitdem bei jeder Produktion.

Der gebürtige Moosacher und dreifache Familienvater war 2007 in den Kulturverein eingetreten und sollte die klassische Musik in Moosach voranbringen. Opern hatten ihn schon früh begleitet, auch wenn er sich selbst nicht als extremen Fan bezeichnet. "Bestimmte Stücke haben mich berührt und begleitet. Mich hat eher das Metier und das Selbstmachen fasziniert." Noch vor dem Abitur schrieb er eine "Facharbeit über die Inszenierung einer Oper am Beispiel der Zauberflöte. In Augsburg und München studierte er Geige und Bratsche. Dass er nicht selbst auf den Bühnen großer Konzertsäle zu erleben ist, hängt damit zusammen, dass er nicht gerne vor Publikum auftritt. Er bleibt lieber im Hintergrund, auch bei "Moosach macht Oper".

Norbert Kästle, Produktionsleiter von "Moosach macht Oper", hat Geige und Bratsche studiert, heute arbeitet er als Business Analyst.

(Foto: Florian Peljak)

Für das Managen spielt ihm auch sein Beruf in die Hände. Als Business Analyst in einem großen Versicherungskonzern kennt er sich mit Einkauf, Beschaffung, IT und Betriebsorganisation aus. Allein einen Kinderchor wie bei Hänsel und Gretel auftreten zu lassen erfordert nicht nur musikalisches Talent: Für jedes der 40 Kinder ist die Erlaubnis des jeweiligen Kinderarztes, der Schule, des Jugendamts und natürlich der Eltern einzuholen. Für Aschenputtel mussten sechs Meter hohe Leinwände angefertigt werden, nach alter Methode grundiert und bemalt, und das in zweifacher Ausfertigung: das verarmte Schloss als Ruine und als prächtiger Palast für Don Ramiro. Texte müssen in deutsche oder Münchner Fassungen gebracht, in Noten eingetragen und an sie angepasst werden. Immer muss der 56-Jährige einen Plan B, C oder gar D haben, bricht ein Hauptdarsteller weg, tauchen unerwartet logistische oder technische Probleme oder alle drei auf einmal auf. Und dann die Hektik vor jeder Premiere. "Gerade in den Endphasen geht es oft an die Grenzen", sagt Kästle. Doch manchmal freut er sich auch spitzbübisch über einen gelungenen Effekt: Der Kulissenwechsel bei der Zauberflöte habe gewirkt, als hätten die Moosacher eine superteure automatische Abwurfschiene. Derweil haben das hinter der Bühne sieben Helfer an sieben Schnüren händisch bewältigt, und das für sieben Kulissenbilder.

An die 16 000 Menschen haben die Moosacher Produktionen gesehen. Kästle investiert in jede zusammengerechnet 80 Tage Arbeit, steckt Urlaub und Freizeit hinein - schlaflose Nächte nicht eingerechnet. Über sein nächstes Werk schweigt er sich eisern aus. "Ich sage nichts, solange es nicht spruchreif ist." Doch man spürt, dass es bereits wieder in ihm arbeitet.