Kandidatin für den Tassilo 2018 Die Kammerspielerin

Ein begehbares Fensterbrett als Bühne: In Theresa Hanichs Theater "Mathilde Westend" gibt's große Kunst auf kleinem Platz.

(Foto: Catherina Hess)

Im "Mathilde Westend", Münchens vielleicht kleinster Bühne, setzt sich Theresa Hanich Grenzen, um diese zu überwinden. Im Ein-Frau-Betrieb ist sie Intendantin, Regisseurin und Darstellerin.

Von Elisa Holz, Schwanthalerhöhe

Von außen sieht dieses Raum-Experiment mit der Adresse Gollierstraße 81 unscheinbar aus. Eine mit Milchglasfolie beklebte Scheibe, eine grüne Holztür und an der Hauswand ein kleiner Wimpel mit der Aufschrift "Mathilde Westend". Könnte auch eine Heilpraktiker-Praxis oder einer von diesen Läden sein, die selbst genähte Sachen im Retro-Pünktchen-Style verkaufen. Aber was für Bücher wahr ist, gilt auch fürs Theater. Man sollte sie nie nach ihrem Einband, respektive ihrer Fassade beurteilen. Also Vorhang auf für das Mathilde Westend:

Zunächst ist dieses Theater klein, sehr klein. Ein quadratischer Raum von vielleicht 15 Quadratmetern mit ziemlich hoher Decke, in den nur 17 Zuschauer und maximal drei Schauspieler passen. Die Bühne ist ein begehbares Fensterbrett, die nach Bedarf noch um ein oder zwei Podeste ergänzt werden kann. Für ihren Auftritt und Abgang bleibt den Schauspielern die Straße, die Toilette oder eine längliche Nische unter der Decke.

Doch gelegentlich können besonders enge Grenzen auf wunderbare Art und Weise horizonterweiternd wirken. Im Fall der Mathilde Westend gilt dieses Paradoxon in mehrfacher Hinsicht. "Durch das Mathilde Westend haben sich für mich schon einige Selbstverständlichkeiten widerlegt ", sagt Theresa Hanich, die junge Intendantin, Regisseurin, Schauspielerin und Erfinderin dieses Theaters. Zum Beispiel: Sie muss vor einem Auftritt nicht in der Garderobe sitzen und ihre Mitte suchen. Sie kann vor der Vorstellung auch den Einlass machen, Bier verkaufen und danach trotzdem noch eine furiose Vorstellung hinlegen. Oder: Publikumsinterventionen sind nicht zwangsläufig störend. Theresa Hanich, Jahrgang 1983, hat in dem Ein-Frau-Stück "Der Liebesbeweis" schon gegen quäkende Babys und schnarchende Möpse angespielt. "Geht alles. Ich bin im Mathilde immer besonders textsicher", sagt sie. Außerdem ist kompromisslose Publikumsnähe weniger angsteinflößend als beflügelnd: "Hier werden wir Schauspieler immer von großem Wohlwollen getragen. Ein schönes Gefühl". Und die Geräusche von der Straße - Autos, streitende Pärchen, grölende Jungs - sind keine Zumutung für den Theaterliebhaber, sondern gehören zum Soundtrack dieses Theaters dazu. So spielt nun mal das Leben.

Das Publikum sieht das ähnlich. Die Vorstellungen im "Mathilde Westend" sind in der Regel schon lange im Voraus ausverkauft. Das Stück "Der Hals der Giraffe" etwa nach dem Roman von Judith Schalansky musste unlängst wegen der großen Nachfrage in die Verlängerung gehen. Demnächst ist Theresa Hanich wieder selbst zu sehen, in Barbara Kappens "Der Liebesbeweis".

Was ist das Geheimnis von Mathilde Westend? Vielleicht sind es die Frauen, die bei diesem Theaterprojekt eine besondere Rolle spielen. So hat Theresa Hanich die Bühne nach ihrer geliebten Großmutter Mathilde benannt, ebenfalls eine Schauspielerin, deren Karriere damals durch den Zweiten Weltkrieg zu einem jähen Ende kam. Ihr Konterfei hängt wie ein Altarbild an der Wand. Es kommen immer deutlich mehr Frauen in das Theater als Männer. Hanich kann sich darauf auch keinen rechten Reim machen. Außerdem hat es sich ergeben, dass die Stücke, die zur Aufführung kommen, bislang ausschließlich aus der Feder von Frauen stammen. Damit ist die Theatermacherin in dieser Stadt ziemlich allein auf weiter Flur. "Im Residenztheater waren in dieser Spielzeit von 49 Stücken vier von Frauen", sagt Hanich. Für sie ist das eine Chance, etwas anders zu machen. Frauenstücke sind für sie eine schöne Nische. Gerade ist Theresa Hanich wieder auf der Suche nach interessanten Frauen und ihren Geschichten. Zelda Fitzgerald, Marguerite Duras - mal sehen, wer demnächst im Mathilde Westend noch auftreten wird. "Ich bin da total flexibel", sagt Hanich. Nur gut muss es sein und im kleinen Raum Platz finden.

Eigentlich war sie ja nach ihrer Schauspielausbildung in München ausgezogen, um die Welt oder zumindest Deutschland zu bespielen. Mit einer Theatertruppe gastierte sie auf Bühnen aller Art - auf hässlichen und schönen, auf großen und kleinen. Doch just als sie das Ladenlokal als Basis und Büro für ihre Theatertruppe angemietet hatte, fiel das Ensemble auseinander. Was blieb, war der kleine Raum, mit dem Hanich zu experimentieren begann. Sie veranstaltete ein paar Feste, dann Lesungen und plötzlich spielte sie in diesem Raum Theater. "Die Premiere war extrem", erinnert sie sich. Der Raum, die Enge, die Nähe - und dann auch noch ihr erster Auftritt als Solistin.

Nach über zwei Jahren Kammerspiel im Wortsinn ist ganz klar: Das Experiment ist inzwischen eine Erfolgsgeschichte. "Ich bin gerade sehr zufrieden mit meinem Leben", sagt Hanich. Im Mathilde Westend kann sie sich ihrer Leidenschaft Theater widmen. Außerdem dreht sie noch fürs Fernsehen. Ihr Freund ist gerade aus Wien hergezogen - und so lebt sie ein ziemlich buntes Leben zwischen der Wohnung in Neuhausen, ihrer Familie in Laim und ihrem Arbeitsplatz im Westend. Ein zu enger Wirkkreis? Wirklich nicht. Theresa Hanich setzt sich Grenzen, um diese zu überwinden. Dass das geht, hat das "Mathilde Westend" gezeigt.

Vorschläge für den Tassilo-Preis können per E-Mail unter tassilo@sueddeutsche.de oder stadtviertel@sueddeutsche.de oder per Post an die Stadtviertel-Redaktion geschickt werden: Hultschiner Straße 8, 81677 München. Einsendeschluss ist Mittwoch, 28. Februar.