Tarifvertrag "Das Sozial- und Gesundheitswesen kann nicht möglichst billig funktionieren"

Christine Rother hat jahrelang für einen Tarifvertrag gekämpft.

(Foto: Catherina Hess)
  • Nach jahrelangem Ringen hat der Regionalverband des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) einen Tarifvertrag abgeschlossen.
  • Die Vereinbarung gilt allerdings nur für München und Oberbayern.
  • Der Druck auf die Arbeitgeber, die Bedingungen attraktiver zu gestalten, um qualifiziertes Personal zu finden, wächst.
Von Inga Rahmsdorf

Christine Rother arbeitet seit 30 Jahren im Rettungsdienst des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Seit acht Jahren setzt die Notfallsanitäterin sich im Betriebsrat für einen Tarifvertrag ein. Nun ist es endlich so weit, der ASB-Regionalverband hat nach jahrelangem Ringen einen Tarifvertrag abgeschlossen. Von den nicht-privaten Rettungsdiensten war der Wohlfahrtsverband bayernweit der einzige, der in den vergangenen 15 Jahren keinen hatte. Die Vereinbarung gilt allerdings nur für München und Oberbayern. Die Gewerkschaft Verdi hofft aber, dass Schritt für Schritt die anderen ASB-Regionalverbände nachziehen werden.

Betriebsrätin Rother sieht zwar noch Nachbesserungsbedarf, "aber der Tarifvertrag ist für uns trotzdem ein Meilenstein". Der Vertrag orientiere sich am Tarif für den öffentlichen Dienst (TVöD), sagt Klaus Kollenberger, Geschäftsführer vom ASB-Rettungsdienst. Nach einer dreijährigen Ausbildung erhält ein Notfallsanitäter beim ASB ein Einstiegsgehalt von 2700 Euro brutto, vom sechsten Berufsjahr an knapp 3000 Euro, und nach 14 Jahren hat er die höchste Stufe mit etwa 3300 Euro erreicht. Hinzu kommen Zulagen für Nacht-, Sonn- und Feiertagsdienste.

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In München sind bis zu 37 Rettungswagen gleichzeitig im Einsatz, gestellt werden sie von acht verschiedenen Organisationen. Die Rettungskräfte sind meist als Erstes am Unfallort, und im Notfall kann ihr Handeln wesentlich über den Krankheitsverlauf oder das Leben des Patienten entscheiden. Von welchem Anbieter ein Rettungswagen kommt, ist abhängig von den jeweils freien Kapazitäten.

Rettungskräfte haben einheitliche Aufgaben - einen flächendeckenden Tarifvertrag gibt es aber bisher nicht. Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) hat einen eigenen Tarifvertrag, die Johanniter Unfallhilfe zahlt nach bundesweit einheitlichen Arbeitsrichtlinien, der Malteser Hilfsdienst angelehnt an kirchliche Tarifverträge. Die private Firma MKT Krankentransport orientiert sich laut Geschäftsführer Robert Schmitt eins zu eins am Tarifvertrag des BRK. Es gebe auch langjährige Mitarbeiter, die weit über dem Gehalt des Tarifvertrags liegen. Rettungskräfte seien bei privaten Firmen nicht unbedingt schlechter gestellt, sagt auch Marco König, Vorsitzender des deutschen Berufsverbands Rettungsdienst (DBRD). Einige würden sogar bessere Arbeitsbedingungen bieten. Und die sind nicht nur über das Gehalt geregelt, sondern auch über Zulagen, Arbeitszeit, Urlaubstage und Altersvorsorge.

Die Firma MKT und die Johanniter zahlen ihren Mitarbeitern beispielsweise Fitness-Trainings. Wer beim Malteser Rettungsdienst viele Nachtschichten fährt, bekommt Sonderurlaube. Bei Aicher Ambulanz können die Mitarbeiter sich Überstunden auszahlen lassen oder als Freizeitausgleich nehmen. Das BRK zahlt eine Ballungsraumzulage. Wichtig sei, dass die Arbeit insgesamt aufgewertet werde, so König. Dass die Ausbildung nun kostenlos ist und es neben der zweijährigen Ausbildung zum Rettungsassistenten auch noch die dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter gibt, habe den Beruf schon deutlich professionalisiert.

Ähnlich wie in anderen Berufen im Gesundheitswesen wächst der Druck auf die Arbeitgeber, die Bedingungen attraktiver zu gestalten, um qualifiziertes Personal zu finden. "Der Arbeitsmarkt im Rettungsdienst ist hart umkämpft", sagt Kollenberger vom ASB. Er sei froh, dass er bei der Personalsuche nun mit einem Tarifvertrag und einer zusätzlichen Altersvorsorge werben könne. Allerdings haben Wohlfahrtsverbände wie auch private Anbieter im Rettungsdienst nur einen begrenzten finanziellen Spielraum.

"Der Beruf ist sehr aufreibend und anstrengend"

Das Budget wird von den Krankenkassen festgelegt und gezahlt. Die politischen Rahmenbedingungen müssen sich daher dringend ändern, fordert Lorenz Ganterer von der Gewerkschaft Verdi: "Das Sozial- und Gesundheitswesen kann nicht möglichst billig funktionieren." Dabei geht es nicht nur um finanzielle Regelungen, sondern auch um die Belastung, unter der die Rettungskräfte leiden.

Das vornehmliche Problem sei nicht, dass die Anbieter im Rettungsdienst untereinander um Mitarbeiter konkurrieren, sagt MKT-Geschäftsführer Schmitt. Viel gravierender sei es, dass die gut ausgebildeten Rettungskräfte in Kliniken oder andere Berufsbranchen abwandern würden. Ein Mitarbeiter vom MKT sei kürzlich zu einem großen Münchner Wirtschaftsunternehmen gewechselt.

Dort verdiene er als Betriebssanitäter 1000 Euro mehr im Monat, ohne Nachtschichten, ohne dass er auf der Straße womöglich auch noch beleidigt oder angegriffen wird. Die Arbeitsbedingungen im Rettungsdienst hätten sich dramatisch verschlechtert, sagt Schmitt. Der gesamte Rettungsdienst müsse dringend neu organisiert werden.

Alle Rettungsdienste verzeichnen eine starke Zunahme an Einsätzen und Stress für ihre Mitarbeiter. "Der Beruf ist sehr aufreibend und anstrengend", so Peter Behrbohm, Sprecher vom BRK, das auch laufend Personal sucht. Und die Einsätze würden nicht nur wegen der steigenden Einwohnerzahl Münchens zunehmen, sondern auch "weil wir immer öfter mit Blaulicht zu Leuten fahren, bei denen wir gar nichts zu suchen haben", sagt Schmitt. Patienten, die zum Hausarzt gehören oder selbst in die Klinik gehen könnten, die aber wegen Kleinigkeiten den Notruf wählen.

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