Tarifstreit bei der Bahn München droht S-Bahn-Chaos

Zugausfälle, Verspätungen und genervte Fahrgäste - ein Bild vom Streik der Eisenbahner im Jahr 2010.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mit zahlreichen Sperrungen wegen Baustellen mutet die Deutsche Bahn den S-Bahn-Fahrgästen einiges zu. Nun könnte zusätzlich ein Streik für Verdruss bei den Pendlern sorgen. Zunächst sollen die Aktionen außerhalb Bayerns stattfinden, doch schon bald könnte auch München betroffen sein.

Von Marco Völklein

Mit zahlreichen Sperrungen wegen Baustellen mutet die Deutsche Bahn den Münchner S-Bahn-Nutzern in diesem Jahr schon einiges zu. Nun könnte zusätzlich noch ein Streik Verdruss bei den Fahrgästen erregen: Die Eisenbahner- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) ruft am heutigen Montag zwischen 6 und 8 Uhr zu ersten Warnstreiks auf.

Noch wird davon der bayerische Nahverkehr vermutlich wenig betroffen sein. Doch sollten sich Gewerkschaft und Bahn-Führung am späten Nachmittag, wenn sich ihre Verhandler zum nächsten Schlagabtausch treffen, nicht annähern, dann drohen im Laufe der Woche weitere Streiks. Und die dürften auch die Münchner Fahrgäste deutlich zu spüren bekommen.

Nach Angaben eines bayerischen EVG-Vertreters werden sich die Aktionen an diesem Montag zunächst auf Standorte außerhalb Bayerns beschränken. Dennoch rechnet die Gewerkschaft damit, dass auch Fahrgäste im Freistaat Auswirkungen spüren werden. Konkret heißt das zum Beispiel: Züge, die wegen des Streiks aus Norddeutschland mit viel Verspätung ankommen, können von München aus auch erst wieder mit Verspätung zurückfahren.

Zudem nutzen Fern-, Regional- und S-Bahnen oft dieselben Gleise - daher können auch hier verspätete Fernzüge die Fahrpläne durcheinander bringen. Sollte am Montag "kein verhandlungsfähiges Angebot" vorgelegt werden, werde es auch in Bayern "sehr zeitnah zu flächendeckenden Aktionen" kommen, droht die EVG. Dann dürfte insbesondere die Münchner S-Bahn betroffen sein, in deren Netz etwa die Hälfte des bayerischen Schienennahverkehrs abgewickelt wird. Auch im Fern- und Güterverkehr spielt der Münchner Knoten eine wichtige Rolle für die Bahn.

Die Frustration unter den Beschäftigten sei groß, heißt es bei der EVG, die 2010 aus der Fusion der Gewerkschaften Transnet und GDBA hervorgegangen ist. Sie vertritt unter anderem Beschäftigte in Reisezentren und Werkstätten, Zugbegleiter und Fahrdienstleiter, die in den Stellwerken den Verkehr überwachen. Für die 20.000 Lokführer ist dagegen die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) zuständig; deren Tarifvertrag läuft bis Ende Juni 2014.

Die Lokführer hatten zuletzt im Februar 2011 gestreikt. Obwohl der Ausstand damals nur zwei Stunden dauerte, mussten Tausende Pendler im Großraum München lange Wartezeiten ertragen. Transnet und GDBA wiederum riefen zuletzt im Oktober 2010 ihre Mitarbeiter im Nahverkehr zu einem Warnstreik auf. Da in manchen Stellwerken niemand arbeitete, waren die Folgen in Südbayern enorm. Die Nachfolgeorganisation EVG droht nun, sie sei mit einem Organisationsgrad von bayernweit "mehr als 60 Prozent" schlagkräftig genug, um Druck ausüben zu können.

"Vollkommen unverständlich"

Die Gewerkschaft fordert 6,5 Prozent mehr Lohn. Die Bahn hatte zuletzt ein Lohnplus in zwei Schritten von 2,4 Prozent und 2,0 Prozent angeboten, eine Einmalzahlung von 400 Euro und eine Erhöhung der Altersvorsorge. Sie wies die Streikankündigung als "vollkommen unverständlich und unverhältnismäßig" zurück. Der EVG ist das Angebot aber zu wenig.

In München rufen die Beschäftigten besonders laut nach mehr Geld. Angesichts ständig steigender Lebenshaltungskosten, etwa durch höhere Mieten, reiche bei vielen Bahnern das Einkommen nicht mehr aus, sagt Paul Eichinger von der EVG in München. Viele Werkstattmitarbeiter kehrten der Bahn den Rücken und wechselten in andere Unternehmen, beispielsweise in die Metall- und Elektrobranche. Während ein qualifizierter Facharbeiter bei der Bahn im Schnitt etwa 2200 bis 2300 Euro im Monat erhalte, böten Metallfirmen Grundgehälter von 2700 bis 3100 Euro monatlich, zudem eine Leistungszulage von im Schnitt 14 Prozent.

Hier müsse der Konzern ansetzen, findet Eichinger. Andernfalls würden mehr und mehr Facharbeiter abwandern und noch größere Löcher in die ohnehin angespannte Personaldecke reißen. Über kurz oder lang könnte sich das auch auf die Fahrgäste auswirken, fürchtet der Gewerkschafter: Nämlich dann, wenn Züge mangels Personal nicht mehr gewartet oder repariert werden können.

Es hängt also eine Menge an den Verhandlungen in Berlin. Bei einem Streik könnten Eichinger und seine Kollegen zum Beispiel bei den Fahrdienstleitern in den Stellwerken ansetzen. Die steuern und überwachen den gesamten Eisenbahnverkehr. Erscheinen sie nicht zum Dienst, steht der gesamte Bahnbetrieb still. Allein in den Münchner Stellwerken seien etwa zwei Drittel der Fahrdienstleiter in der EVG organisiert, sagt Eichinger - und droht so der Bahn: Wirksamer könne man einen Ausstand kaum organisieren.