Tanz und Theater Enorme Strahlkraft

Das Münchner Festival "Rampenlichter" von und mit Kindern und Jugendlichen hat sich binnen zehn Jahren zu einem der wichtigsten Festspiele für den Nachwuchs in Deutschland etabliert

Von Barbara Hordych

Gemeinhin wird auf der Theaterbühne eher das Individuum verhandelt. Der Fokus liegt auf seinem Auftritt, seinem Dasein, seiner mentalen Verfassung. Rudeln hingegen begegnet man in Inszenierungen seltener. Gelegenheit dazu hatte man jedoch im vergangenen Sommer, bei der zehnten Ausgabe des Münchner Tanz-und Theaterfestivals "Rampenlichter". Dort zeigten 16 junge Tänzer aus Hildesheim ihre Performance "Das Rudel". In der es freilich auch erst einmal um das Individuum ging. Doch als die Tänzer nach und nach ihre bunten Kleider ablegten, kam unter diesen Hüllen sozusagen die menschlichte Basis zum Vorschein: schwarze Jumpsuits, Knieschützer, darunter Haut und Muskeln. Und dann begann sich das Rudel zu formieren, zu atmen, zu jagen. Fließend bildete sich etwa ein Kreis um einen Jungen, dessen Versuche, auszubrechen, scheiterten. Als der junge Tänzer jedoch mit aller Kraft zu rennen ansetzt, fächert sich das Rudel auf, reiht sich hinter ihm wieder ein. Den Assoziationen zu Macht, Willen und Gruppendynamik, dargeboten zu wirbelnden Cello-Klängen, konnte man sich als Zuschauer kaum entziehen.

Die Hildesheimer von der Tanzschule "Saltazio" waren eines von 13 Ensembles, die ihre Produktionen bei der Jubiläumsausgabe der "Rampenlichter" präsentierten. Vor zehn Jahren ist das Festival gestartet, "damals noch in einer Mini-Variante mit nur vier verschiedenen Aufführungen", erzählt Festivalleiter Alexander Wenzlik, der das Programm von Anfang an gemeinsam mit seiner Kollegin Elisabeth Hagl zusammenstellt und als Kooperation des Vereins "Spielen in der Stadt" mit dem "Pathos" im Theater Schwere Reiter und auf dem Gelände des Kreativquartiers München vorführt. Damals war die Resonanz sofort so groß, dass man sich mit der Unterstützung von Kulturreferat und Sozialreferat entschloss, "das Festival zu erweitern und zu verstetigen", wie Wenzlik sagt.

Kraftvolles, rasantes und ziemlich ehrliches Tanztheater beim Münchner Rampenlichter-Festival: In der Hildesheimer Performance-Produktion „Das Rudel“ legten 16 Tänzerinnen und Tänzer des Jugendensembles „Saltazio“ ihre Emotionen offen.

(Foto: Uta Engel)

Im vergangenen Jahr hatte dann das Auswahlgremium "die schöne, aber auch recht knifflige Aufgabe, aus 80 ambitionierten und beeindruckenden Bewerbungen deutschlandweit und international 13 Gruppen herauszusuchen". Ein Wermutstropfen kam ausgerechnet im Jubiläumsjahr noch dazu. "Wegen geringerer Finanzierungszuschüsse mussten wir das Festival von zehn auf sieben Spielabende reduzieren; wir konnten deshalb nur 13 Stücke statt 18 wie noch in den Jahren zuvor einladen", sagt Wenzlik. Trotzdem habe man die bewährte Mischung beibehalten können: Vier Münchner Gruppen waren im Programm vertreten, acht kamen aus ganz Deutschland hinzu und eine internationale Produktion - im vergangenen Jahr aus Polen - war am Ende auch mit dabei.

Eines der wichtigsten Kriterien auch bei der zehnten Ausgabe des Festivals: Die jungen Kreativen sollten tatsächlich an dem künstlerischen Prozess, an der Entwicklung von Texten, Choreografien, Musikstücken, an Bühnenbild und Maske sowie Ton- und Lichttechnik beteiligt gewesen sein, auf der Bühne erkennbar ihre eigene Sprache und Ästhetik präsentieren. Darüber hinaus ist Wenzlik und Hagl bei der Auswahl der Stücke wichtig, dem Publikum eine ganze Bandbreite von "diversesten Projektkonzeptionen" vor Augen zu führen. "Diese Breite reicht von frei organisierten Gruppen bis hin zu Jugendlichen, die in der Ausbildung zum Profitänzer stehen." Großen Wert legen die Veranstalter jedes Jahr darauf, dass sich die Mitwirkenden vier bis fünf Tage in München aufhalten. An- und Abreise müssen von den Gruppen selbst getragen werden, doch die Kosten für die Unterbringung und die Verpflegung übernehmen die Münchner Gastgeber. "Ab dem Moment, wenn die Gruppen aus dem Bus steigen, ist der Aufenthalt für sie kostenfrei", sagt Wenzlik. Von der Bedeutung her sei das Münchner Rampenlichter-Festival vergleichbar mit dem Berliner Tanztreffen der Jugend. Genau in diesem Sinne äußerten sich auch die jungen Hildesheimer in einem Zeitungsinterview: Sie seien begeistert, zu den beiden wichtigsten Jugendfestivals in Deutschland eingeladen zu sein. Zuerst stehe München auf dem Plan, im September folge Berlin, freute sich das "Rudel"-Ensemble.

Leben in der Tonne auf einem Schrottplatz am Rand der Stadt: Die "Krachmacher" vom Theater Junges Ensemble Stuttgart (JES).

(Foto: Cindy Jaenicke/oh)

Überhaupt beweisen Wenzlik und seine Mitstreiter jedes Jahr aufs Neue ein glückliches Händchen bei den Vorstellungen, die sie im Abendprogramm zu Doppelaufführungen zusammenspannen. In der Jubiläumsausgabe waren das beispielsweise die beiden jungen Tänzer der Münchner Formation "Next Level", "zwei tolle Jungs, die sich ihre Performance ,No Limit' ganz eigenständig erarbeitet und bislang nur in Jugendzentren vorgeführt hatten", sagt Wenzlik. Sie traten vor der Sprechtheater-Produktion "Überzeugungstäter" des Jungen Nationaltheaters Mannheim auf. "Da haben Sie gewissermaßen die ganze Bandbreite unseres Festivals: Auf der einen Seite ein völlig frei agierendes Duo, auf der anderen Seite eine Gruppe, die einem etablierten Theater angeschlossen ist und von dort Unterstützung erhält." Die Theaterpädagogin Josefine Rausch, die seinerzeit mit der jungen Mannheimer Truppe nach Antworten auf die Frage suchte, was junge Menschen dazu antreibt, sich zu radikalisieren, ist inzwischen übrigens fest an der Münchner Schauburg unter der neuen Intendantin Andrea Gronemeyer engagiert.

Neben den 26 Abend- und Schulklassenaufführungen, an denen sich 200 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 27 Jahren beteiligten, zählten auch die Workshops 2017 zum wesentlichen Bestandteil des Festivals. Zum Konzept des Festivals gehört es, dass diese nicht nur von Profis, sondern auch von den Darstellern selbst gegeben werden. "Gerade für die Schüler ist es immer wieder eine tolle Erfahrung, wenn sie bei den Akteuren, die sie zuvor auf der Bühne erlebt haben, anschließend in einen Workshop gehen", sagt Wenzlik. Einen solchen boten auch Chadrak Muleme und Islam Ismaili vom Team "Next Level" an. Da sie sich ihre Tanzstile selbst beigebracht hatten, waren sie prädestiniert, ihre Moves auch an jüngere Jugendliche weiterzugeben.

Als einen erwünschten Schritt in die richtige Richtung begrüßt Alexander Wenzlik den im Herbst 2017 gefassten Beschluss der Stadt, "Rampenlichter" künftig auf einen "biennalen Rhythmus" umzustellen. "Dieses Jahr fällt es dann zwar aus - dafür wird die städtische Regelförderung erhöht und das Festival von 2019 an auf zwei Wochen erweitert."