Tanz Das Leben als unlösbare Aufgabe

Die Mathematikerin Nermin Salepci entzieht sich im Tanz jeder Berechenbarkeit

Von Stefanie Schwetz

Was hat Mathematik mit Kunst zu tun? Mathematik ist die Kunst des Intellekts, findet Nermin Salepci. Dabei widmet sich die promovierte Mathematikerin der Kunst des Tanzes mindestens genauso intensiv wie der Wissenschaft. An diesem Freitag, 28. Juli, tritt Nermin Salepci mit ihrem zeitgenössischen Tanzprojekt "Temporary Pieces" im Rationaltheater auf. Wenn man die gebürtige Türkin, die derzeit am Institut Camille Jordan im französischen Lyon lehrt, allerdings fragt, in welcher der beiden Disziplinen sie sich wohler fühlt, antwortet sie ohne zu zögern: im Tanz.

Als Spätberufene könnte man Nermin Salepci bezeichnen. "Ich war ein sehr aktives Kind", erzählt sie, "ich machte verschiedene Sportarten wie Gymnastik, Volleyball, Laufen, Bergsteigen und Klettern." Tanzen war nicht darunter. Angefangen hat Salepci mit dem Tanzen an der Middle East Technical University (METU) in Ankara, als sie gerade an ihrem Master arbeitete. Da war sie schon 24 Jahre alt. Als Freunde aus der "Contemporary Dance Group" der Uni sie fragten, ob sie nicht auch tanzen wolle, dachte sie sich, warum nicht? Eine Offenbarung war das für die junge Frau, ein ganz neues Lebensgefühl. "Während ich tanzte, fühlte ich mich wie zu Hause", beschreibt Nermin Salepci dieses erste Tanzerlebnis. Seither hat sie das Gefühl nicht mehr losgelassen und ihr weiteres Leben geprägt. Nach einem Jahr Tanzerfahrung stand sie dann schon das erste Mal auf der Bühne und trat fortan international auf.

Alles Zufall? Wohl kaum. Schon in der Kindheit und Jugend suchte Salepci nach kreativen Ausdrucksformen, fand sie in der Herstellung von Kleidern, Schmuck und Accessoires und studierte später neben Mathematik auch Industriedesign. Heute ist es die Tanzkunst, die ein kreatives Gegengewicht zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit darstellt und ihr Leben erst zu komplettieren scheint. "Als Mathematikerin mag ich Definitionen, mag es, Behauptungen aufzustellen und Beweise zu führen", erklärt sie. Als Performerin dagegen schätzt Salepci das Undefinierbare, Unausgesprochene, Widersinnige.

Mit "Temporary Pieces" zeigt sie ein selbst konzipiertes Soloprojekt, das gleichsam ein Spiel mit der Zeit ist. Im Schneckentempo schraubt sie sich aus der gedrehten Hocke nach oben und wieder hinab, wandelt wie auf Samtpfoten über Glasgefäße, mit denen sie gleichzeitig flammende Teelichter erstickt, und stellt sich selbst und die Welt auf den Kopf. Nichts ist hier von Dauer, alles scheint ständig im Fluss der Veränderung und doch präsent zu sein. Selbst der Gegensatz von Bewegung und Stillstand scheint sich in der Langsamkeit dieser Choreografie aufzulösen. Dazu ein Klangteppich aus Geräuschen und Musik, komponiert von dem französischen Musiker Clément Edouard. Ein Präludium und sechs szenische Bewegungsbilder, die jeweils einen Verwandlungsprozess veranschaulichen, werden im Rationaltheater zu sehen sein.

Initiiert hat den Auftritt der Münchner Soziologe Robert Jende. Er hat die tanzende Mathematikerin schon auf der Bühne erlebt und gespürt, "in welchen Sog man dabei als Zuschauer gerät, wie sich das Zeitgefühl dabei vollkommen verschiebt". Mit seinen Studenten erörtert Jende in diesem Semester die Frage, wie sich Wirklichkeit gestaltet, und auf welche Weise Veränderungen entstehen. In Nermin Salepcis Darbietung hat er das tänzerische Pendant zu diesem soziologisch-philosophischen Diskurs gefunden.

"Wenn sich etwas ändert, findet alles eine neue Balance", schreibt Nermin Salepci in einer ihrer poetischen Beschreibungen zu den getanzten Figuren. Und auch das Bild von der ewigen Wiederkehr des immer Gleichen taucht in diesen Texten auf, wie es in der Mathematik, der Philosophie und den religiösen Vorstellungen von der Wiedergeburt zu finden ist.

Während Salepci sich dreht und wendet, innehält, in sich versinkt, durch den Raum schwebt und kurz darauf wieder Bodenhaftung aufnimmt, vermittelt sie eine Ahnung von einer Welt jenseits des Status quo. Denn all diese zeitlupenartigen Bewegungen suggerieren ein Dasein frei von intellektuellen Anhaftungen. "Das Leben zu verstehen ist eine unlösbare Aufgabe", erklärt Nermin Salepci ihr Weltverständnis, das weniger als Erkenntnis, denn als gelebte Einsicht in das menschliche Sein aufzufassen ist. Dem Publikum rät die Tänzerin, "nichts zu erwarten und sich überraschen zu lassen" von diesem Tanz, der für sie auch ein Werkzeug ist, "die Grenzen des eigenen Körpers zu erfahren". Mit "Temporary Pieces" versucht Salepci, die Zuschauer wenigstens für die Dauer der Vorführung von ihren geistigen Aktivitäten zu befreien, sie in einen Zustand ästhetischer Kontemplation zu versetzen.

"Wenn sich etwas ändert, findet alles eine neue Balance", sagt Nermin Salepci, die als Mathematikerin derzeit am Institut Camille Jordan im französischen Lyon lehrt.

(Foto: Laurent Reyes)

Für Robert Jende und seine Studenten, die begleitend zu der tänzerischen Darbietung im Rationaltheater eine Ausstellung zu ihren theoretischen Überlegungen konzipiert haben, wäre dieses erkenntnisfreie Sich-Einlassen auf das Bühnengeschehen ein Impuls für Veränderung. Vielleicht gelingt es dem einen oder anderen Zuschauer während der Aufführung sogar, von den Zerwürfnissen der eigenen Wirklichkeit Abstand zu nehmen, zu spüren, dass sich das Leben, das immer ein Werden ist, nicht auf Begriffe reduzieren lässt und auch nicht auf mathematische Formeln. "Die Bedeutung des Lebens ist, es einfach zu leben", sagt Nermin Salepci. Und womöglich verbirgt sich hinter diesem Satz ihre ganz persönliche Vision, die Differenzen zwischen Wissenschaft und Kunst einfach aufzulösen.

Temporary Pieces, Rationaltheater, Hesseloherstraße 18, am Freitag, 28. Juli, 20 Uhr; Einlass: 19 Uhr; Tickets an der Abendkasse.