Live-Blog-Nachlese zur Einheitsfeier Jubel, Trubel, Einheit

Bei Sonnenschein und weiß-blauem Himmel feiern hunderttausende Münchner den Tag der Deutschen Einheit. Nach dem offiziellen Festakt in der Staatsoper mit Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck als Ehrengäste vergnügen sich die Bürger auf der Ländermeile in der Münchner Innenstadt. Sogar Franz Josef Strauß steht plötzlich auf der Bühne.

Die Feierlichkeiten in der Ticker-Nachlese. Von Tobias Dorfer, Christian Krügel, Lisa Sonnabend und Beate Wild

In diesem Jahr richtet die bayerische Landeshauptstadt die Feiern zum Tag der Deutschen Einheit aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Joachim Gauck sind die Ehrengäste - und hundertausende Münchner strömen auf die Feiermeile. Die Einheitsfeiern sind eine logistische und planerische Herausforderung. Das gilt erst recht, weil neben diesem Großereignis gleichzeitig das Oktoberfest stattfindet. Im Live-Blog hat Süddeutsche.de den Tag begleitet. In der Ticker-Nachlese erfahren Sie, was alles passiert ist.

17:03 Uhr

(Foto: dpa)

Die Menschenmassen werden nicht weniger. An Thüringens Stand reicht die Schlange noch immer bis nach Rheinland-Pfalz. An den Biertischen sitzen die Münchner und trinken Helles, Weißbier - und ausnahmsweise auch mal Pils. Zumindest an den Tischen, die in der Nähe des Berliner Standes liegen. Auf dem Professor-Huber-Platz gegenüber der Universität haben sich hunderte Menschen versammelt. Es geht um eine Wette. Eine Krankenkasse möchte, dass Deutschland sich bewegt. 1000 Münchner sollen nun hier gleichzeitig tanzen. Ob es nun tatsächlich tausend geworden sind, ist nur schwer zu überprüfen. Aber es sind verdammt viele, die nun die Hände in die Höhe recken und hin- und herhüpfen. Der Tag der Deutschen Einheit bewegt Menschen also tatsächlich.

16:50 Uhr

Auf der Bühne am Odeonsplatz spielt eine Coverband den Song "Sex Bomb" - in einer jazzigen Version bei der viel Schwung verloren geht. Macht nichts. Rudolf sitzt mit Bekannten an einem Biertisch etwas am Rande. Er ist zufrieden. "Wenn das Wetter mitspielt, werden solche Feste immer toll", sagt er. Besonders beeindruckt hat ihn die Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert. Lisa, die neben ihm sitzt, pflichtet ihm bei. Sie hat nur eine Sache an dem Fest zu kritisieren: "Die Trachtentänze waren zu kurz." Bei ihnen am Tisch steht jedenfalls fest: "In 17 Jahren, wenn Bayern wieder dran ist mit den Einheitsfeiern, kommen wir wieder." Norbert rechnet kurz nach: "Dann bin ich ja schon 80, das ist praktisch, dann kann ich mich im Rollstuhl durch die Menschenmassen durchschieben lassen."

16:20 Uhr

(Foto: Johannes Simon/Getty)

Immer noch strömen weitere Besucher auf die Ludwigstraße. Das Thermometer misst 20 Grad, das Bier fließt und die Laune der Gäste wird immer besser. Überall, wo man hinblickt, sieht man Trachtler. Fast möchte man meinen, das Oktoberfest habe sich von der Theresienwiese bis in die Münchner Innenstadt ausgebreitet. Nach Angaben der Staatskanzlei wurde mittlerweile rund 400.000 Besucher gezählt.

16:01 Uhr

Auf einer Freiluftbühne im Hofgarten sitzt Bundestagspräsident Norbert Lammert - und findet noch einmal ähnliche große Worte wie am Mittag beim offiziellen Festakt. "Was in diesem Land seit 1989 geschehen ist, ist eine gewaltige historische Leistung", sagt er. "Diese wird außerhalb des Landes viel stärker wahrgenommen als in Deutschland." Warum das so sei? "Wir jammern zu viel." Dies sieht Lammert jedoch nicht negativ. "Darüber will ich mich gar nicht beschweren, weil wir die großen Probleme im Gegensatz zu andern deswegen gleich angehen und nicht aufschieben."

15:46 Uhr

Im Zelt des Bundesrats am Hofgarten betreten Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und sein Baden-Württembergischer Kollege Winfried Kretschmann (Grüne) die Bühne zur symbolischen Amtsübergabe. Kretschmann übernimmt nun den Vorsitz im Bundesrat, die Einheitsfeiern werden im kommenden Jahr im Ländle stattfinden. Und es gibt eine Überraschung im Bundesratszelt: Während Lokalmatador Seehofer nur verhaltenen Applaus bekommt, jubeln die Zuschauer bei Kretschmann laut.

Vor der Amtsübergabe wird erst einmal geplaudert. Über seine Zeit als Bundesratspräsident sagt Seehofer: "Ich habe einiges dazu gelernt - und das obwohl ich jetzt schon über 60 bin." Scherzhaft geht es weiter. Kretschmann sagt, in manchen Sparten sei Bayern besser, in anderen Baden-Württemberg. "Wo?", will Seehofer wissen und erntet viele Lacher. Kretschmann antwortet: "Wir sind die besseren Tüftler und Denker." Passend sein Geschenk zur Amtsübergabe an Horst Seehofer: Ein Akkuschrauber, mit dem man auch Weinflaschen öffnen kann. Und zwei badische Weine. "Horscht", sagt Kretschmann. "Du wirst sehen, dass unsere Weine besser sind als Eure."

Dann holt Seehofer sein Geschenk. Er sagt: "Es ist schon mal teurer." Und vor allem mehr. Seehofer schenkt seinem Kollegen ein Baseball-Cap mit der Aufschrift "Free State of Bavaria", ein Buch zur bayerischen Geschichte, eine Münze von Neuschwanstein, einen Regenschirm, den "du als kleinere Partei brauchst", einen Allgäuer Bergkäse, einen Obazdn, einen Boxbeutel, einen Rucksack und eine Ballonfahrt über Bayern. Dann sind die Amtsgeschäfte symbolisch übergeben.

15:30 Uhr

(Foto: Getty Images)

Die Münchner U-Bahn meistert indes den Veranstaltungsverkehr rund um die Wiesn und den Tag der Deutschen Einheit bisher routiniert und ohne nennenswerte Störungen, meldet der Münchner Verkehrsverbund. Zwar sind die Züge der U4/U5 zum Oktoberfest - wie jedes Jahr - teilweise bis auf den letzten Platz gefüllt, die U-Bahnlinien U3 und U6 verzeichnen bis jetzt jedoch keine Überlastung. Ob der U-Bahnbetrieb rund um die Einheitsfeier weiter so glatt läuft wie bisher, wird sich im weiteren Tagesverlauf zeigen. Möglicherweise wird es zum offiziellen Abschluss der Veranstaltung heute Abend noch mal etwas voller in den Zügen, wenn viele Besucher gleichzeitig nach Hausen wollen.

15:12 Uhr

Im Bundesrat-Zelt, das im Hofgarten errichtet wurde, stellt sich Kurt Beck, Noch-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Fragen von drei Schülern. Das Jackett hat Beck abgelegt, die schwarze Krawatte nicht. Eine Stunde habe Beck zu Fuß von der Oper bis ins Zelt gebraucht. 60 Minuten für wenige Meter - es ist wirklich sehr voll in der Münchner Innenstadt. Ein Schüler will nun von ihm wissen, wie die SPD ihr soziales Profil schärfen möchte. Eine Schülerin erkundigt sich, warum es nicht mehr Möglichkeiten zur direkten Mitbestimmung in Deutschland gebe. Beck holt aus zu langatmigen Antworten. Selbst die Schüler bekommen nichts anderes zu hören als Politikerphrasen. Am Ende wird Beck doch noch persönlich und sentimental. Von Anfang 2013 an wird er nicht mehr Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz sein. "Ein Leben ohne Politik kann ich mir noch gar nicht vorstellen", sagt Beck. Er wolle sich dann ehrenamtlich engagieren. Nicht für Geld verdingen. Ein Seitenhieb an andere Alt-Politiker wie Gerhard Schröder.

14:56 Uhr

Spricht man mit den Leuten auf der Ludwigstraße, was ihnen der Tag der Deutschen Einheit bedeutet, fallen meist positive Antworten. Es gibt aber auch distanzierte Ansichten. Viele finden, im Alltag spiele die Einheit keine Rolle, viele Münchner haben auch 22 Jahre nach der Einheit wenig Kontakt zu Ostdeutschen. Nur Angela und Daniel, ein älteres Ehepaar mit Dackel, findet an diesem Feiertag sehr kritische Worte. "Bei der Einheit denke ich vor allem an unser Geld", sagt Daniel.

14:42 Uhr

(Foto: Lisa Sonnabend)

Eine Szene auf der Ländermeile. Eine Mutter zu ihrem Sohn: "Komm, wir schauen mal durch Berlin durch." Der Sohn: "Ich mag nicht nach Berlin." Die Mutter: "Aber Berlin ist total angesagt und cool." Der Sohn: "Berlin ist doof." Die Mutter gibt nicht auf: "Magst du eine Currywurst?" Der Sohn: "Kein Bock auf Currywurst." Er zieht die Mutter weiter.

14:30 Uhr

In der Innenstadt ist es mittlerweile schon richtig voll. Die Polizei schätzt die Besucher derzeit auf 200.000. Allerdings würden es schon noch viel mehr werden, meint ein Polizeisprecher. Insgesamt werden 500.000 Besucher erwartet. Trotz des Massenansturms verläuft die Feier bisher friedlich und gewaltfrei. Sogar der U-Bahnhof Universität ist noch offen. Ursprünglich hatte man ihn sperren wollen, doch das sei bisher noch nicht erforderlich, heißt es von der Polizei.

14:20 Uhr

(Foto: Lisa Sonnabend)

Die Trachtler ziehen vom Nationaltheater zum Hofgarten. Nach dem Trachten- und Schützenzug zur Theresienwiese am 23. September ist es für viele bereits der zweite Einsatz innerhalb weniger Tage. Es geht eng zu am Rand der Dienerstraße. Die Trachtler kommen kaum durch, und die Zuschauer erschrecken, wenn ein Musikant plötzlich laut auf seine Pauke eindrischt.

14:07 Uhr

Kabarettist Helmut Schleich steht auf der Bühne am Odeonsplatz. Er ist mal wieder in seine Paraderolle geschlüpft: in die des Franz Josef Strauß. Er wettert gegen den Einheitskanzler und die Schwarzen Kassen, gegen den "Magermilch-Ministerpräsident" Horst Seehofer und die CSU im Allgemeinen: "Die CSU muss mittlerweile schon Obstler ausschenken, damit sie überhaupt noch auf 50 Prozent kommt." Wenn Trachtengruppen vorbeiziehen, wird Schleich immer wieder übertönt. Als Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) in grauem Kostüm entlang kommt, ist gerade eine kurze Musikpause. Schleich wettert gerade über die Berliner Koalition. Aigner dreht sich erbost um und ruft: "Ach, das ist ja der Franz Josef!"

13:56 Uhr

(Foto: dpa)

Gauck, Merkel und Seehofer müssen noch arbeiten und sich Volkstänze anschauen - der Rest darf Bayerische Kost in Form eines Flying Buffets essen: Weißwurstcarpaccio, Fleischpflanzerl, Saibling, gekocht von Käfer. Und dann wird's noch richtig herzlich: Gauck spricht im Königssaal der Oper vor den Bürgerdelegationen, spricht von Einheit in Vielfalt, lobt ausgiebig und verspricht, von Tisch zu Tisch zu gehen - damit auch jeder ein Foto mit nach Hause bringen kann.